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Fuchsinrot und Buttergelb


Aus der Geschichte der Lebensmittelfarbstoffe

E102, E110, E122, E123, E124 - Kennziffern heute zugelassener Lebensmittelfarben: Tartrazin, Gelborange G, Azorubin, Amaranth, Cochenillerot A; alle aus der Gruppe der Azofarbstoffe, welche in großer Zahl und vielen Farbschattierungen vor knapp einhundert Jahren in den Werkslaboratorien der Farbenfabriken gefunden wurde. Damals auf Teerbasis, heute überwiegend aus Erdöl oder -gas werden in der Bundesrepublik 1982 ca. 950 t synthetischer Lebensmittelfarben produziert. Sie "verschönern" Eis und Pudding, Getränke und Süßigkeiten, Kaugummi und Tabletten, sie sind, im Gegensatz zu den meisten Naturfarben zwar chemisch stabil, lichtecht und billig - gesundheitlich unbedenklich aber nicht.

Dieser Anwendungsbereich für Teerfarben hat Tradition und er zeigt, dass die ersten Erzeugnisse der wachsenden organisch-chemischen Industrie sich nicht darauf beschränkten, lediglich Textilien rot, blau oder gelb einzufärben, sondern zunehmend auch andere Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Im Verlauf dieser allgemeinen Chemisierung des Alltagslebens haben vor allem die Azofarben eine Vorreiterrolle gespielt. Ihr anfangs bedenkenloser Einsatz bei der nachträglichen Färbung von Lebensmitteln führt dabei nur besonders deutlich vor Augen, dass die Kenntnis ihrer eigentümlichen gesundheitlichen Risiken der exzessiven Verwendung von Teerfarben stets mit einem Rückstand hinterherhinkte, der sich immer wieder als uneinholbar erwies.

Gefärbte Lebensmittel waren im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nichts grundsätzlich neues - doch die gerade entdeckten synthetischen Farben zeichneten sich gegenüber den bisher für diesen Zweck verwendeten dadurch aus, dass sie effektiver und zugleich weniger offensichtlich ihren gewünschten Zweck erfüllten, nämlich schlechte, minderwertige oder unansehnliche Nahrung optisch aufzubessern, ihre Verkäuflichkeit zu steigern und so den Verbraucher über die tatsächliche Qualität einer Ware zu täuschen. „Kupfersulfat zum Grünen von Gemüse“, so trug es ein Lebensmittelchemiker 1914 vor, „hat vom Standpunkt des Verbrauchers den Vorteil, vom Standpunkt des Herstellers den Nachteil, dass gelbgewordenes, welkes, überreifes Gemüse damit nicht grün gefärbt werden kann; es wurde daher verlassen und durch andere grüne Farbstoffe ersetzt, mit denen man auch minderwertige Ware auffärben konnte."

Zwar gab es seit 1887 ein Gesetz, das "gesundheitsschädliche Farben zur Herstellung von Nahrungs- und Genussmitteln" verbot, doch um die Unzahl der neuen synthetischen Farben kümmerte es sich nicht nur wenig und konzentrierte sich vielmehr auf die schwermetallhaltige Zusätze, deren Giftigkeit zwar seit langem bekannt war, die aber immer noch dazu benutzt werden, Lebensmittel äußerlich nachzurüsten. Nicht mehr mit gelbem Safran, grünem Petersilien- und blauem Kornblumensaft wurde gefärbt wie zu den Zeiten, als dies allein das Vorrecht der Apotheker war, sondern Käse mit rotem Quecksilbersulfid, Zuckerwaren mit leuchtend rotem Bleioxid und gelbem Bleichromat, Wein mit rotem Fuchsin, einem seit 1859 hergestellten, aufgrund seines Arsenanteils hochtoxischen Anilinfarbstoff. Auf diese schlimmsten Auswüchse zielte das Farbengesetz von 1887, über das fünf Jahre öffentlich diskutiert wurde, bevor es endlich -in einer gegenüber früheren Entwürfen abgemilderten Fassung- in Kraft treten konnte.

Die Praxis der Lebensmittelfärbung hatte sich jedoch längst geändert. Beschleunigt durch die Entstehung einer großen Lebensmittelindustrie, verdrängten die neuen synthetischen Farbstoffe nicht nur die traditionellen Mineralfarben, sondern sie gewannen in dem Maße an Bedeutung, wie die Lebensmittel zu Waren wurden, deren künstlich aufgefrischte Äußerlichkeit ihren Absatz fördern sollte. Obwohl viele Lebensmittelchemiker das Färben der Lebensmittel als „entbehrlich“ und „Tatbestand der Täuschung“ ablehnten, wuchs die Zahl der für diese Zwecke angebotenen Substanzen unüberschaubar an. Das Gesetz von 1887 dämmte ihre Verwendung nicht ein, sondern machte die Bahn erst richtig frei: „Verglichen mit dem hundertfältigen Spektrum der Farben, die dann von der Teerfarbenindustrie hergestellt wurden und die in gesundheitlicher Hinsicht unbekannt waren", beschränkte sich das Gesetz auf einen „ganz engen Kreis von Farbstoffen. [...] Diese Lücke diente dazu, um Dutzende und Dutzende dieser Teerfarben in die Lebensmittel hineinzuschleusen.“ Endgültig gerieten die für die öffentliche Gesundheitsvorsorge verantwortlichen Lebensmittelchemiker ins Hintertreffen. Die Giftigkeit einzelner Teerfarben und sogar ganzer Farbstoffgruppen war zwar bekannt, doch scheiterte ein gesetzliches Verbot auch daran, dass weder „eine höchste zulässige Menge“ anzugeben war, die „vom Standpunkt der öffentlichen Gesundheitspflege“ gerade noch als unbedenklich galt, noch analytische Verfahren verfügbar waren, mit denen diese Mengen „in praktisch durchführbarer Weise zu bemessen waren.

Nicht nur die Analytik konnte der Vielfalt chemischer Produkte nicht folgen. Seit ihrem nunmehr sanktioniertem Einzug in die Nahrungsmittelindustrie eilte der kaum kontrollierbare Gebrauch der Teer- und Azofarbstoffe der Erforschung ihrer möglichen gesundheitlichen Risiken weit voraus: Noch Mitte der 50er Jahre wurden 80 bis 110 dieser Farbstoffe zugesetzt, obwohl schon 1933 ein bekannter Lebensmittelchemiker lediglich 27 von ihnen für ungiftig hielt. Zwanzig Jahre später bekamen nur noch sieben synthetische Lebensmittelfarben eine solche Unbedenklichkeitsbescheinigung, darunter auch jene Azofarbstoffe, von denen man heute sicher weiß, dass sie Allergien auslösen können oder gar als erbgutschädigend verdächtigt werden. Buttergelb, seit 1930 als krebserregend bekannt, färbte bis nach dem Zweiten Weltkrieg Butter und Margarine; Orange G (und ähnliche), bis 1950 in großen Mengen produziert, leuchtete so lange in Kuchen, Süßigkeiten und Getränken, bis die „indirekte“ Toxizität dieser Farbstoffgruppe über jeden Zweifel erhaben und der Beweis erbracht war, dass der menschliche Organismus in einem komplexen Stoffwechselprozeß daraus das giftige Anilin abspaltet. Und das legendäre Benzopurpurin, Duisbergs erster kommerziell erfolgreicher Azofarbstoff und ebenfalls lange in der Nahrungsmittelindustrie verwandt, wurde erst 70 Jahre nach seiner Synthese als „Summationsgift“ erkannt, welches sich kumulativ im menschlichen Körper anreichert. In keiner Phase ihrer Nutzungsgeschichte als Lebensmittelfarbstoffe hat es eine begleitende oder gar präventive Risikoforschung darüber gegeben, wie sich synthetische Farbstoffe und andere aromatische Verbindungen im Organismus verhalten oder verändern, welche sich möglicherweise addierenden Wechselwirkungen sie auslösen können. „Die Ausscheidungs- und Entgiftungsgeschwindigkeiten der meisten chemischen Stoffe in Lebensmitteln sind unbekannte Wissenschaften.“

Im Juni 1914 - der Anilinkrebs ist als Arbeitserkrankung längst bekannt - trafen im Reichsgesundheitsamt Chemiker, Mediziner, Hygieniker und Pharmazeuten mit Männern der Chemischen Industrie, an ihrer Spitze Geheimrat Carl Duisberg, zu einer denkwürdigen Unterredung zusammen. Es galt zu entscheiden, ob bestimmte, bei der Konservierung von Lebensmittel eingesetzte chemische Zusätze künftig weiter zulässig sein sollen, an deren gesundheitlicher Harmlosigkeit begründete Zweifel bestanden, ohne dass bereits ein wissenschaftlich unanfechtbarer Beweis dafür vorlag. Vor die Wahl gestellt, die fraglichen Stoffe für diesen Verwendungszweck auszuschließen oder sie in bestimmten Nahrungsmitteln unter „Deklarierungszwang“ zuzulassen, entschied sich die Mehrheit der versammelten Herren gegen ein rigoroses Verbot. „In die so entstandene Bresche drang die Lebensmittel-Technik im Sturm ein, ohne noch wesentlich Widerstand zu finden, zuerst mit Konservierungsmitteln, dann mit Farben und chemischen Bleichmitteln, dann mit dem Heer der übrigen Verschönerer“ – so sah es 1956 der bekannte Toxikologe Fritz Eichholtz.

Zwar ist Einsatz von synthetischen Farben in der Lebensmittelindustrie für die Geschichte der Farbstoffe quantitativ von nur untergeordneter Bedeutung, dennoch offenbart sich hier eine problematische Phasenverschiebung. Diese hat sich nicht nur als charakteristisch für eine zunehmend durch die industrielle Produktion strukturierte Gesellschaft erwiesen, sondern ist ebenso Resultat neuartiger Gefahren, die mit den Technologien und Stoffkreisläufen der synthetischen Chemie heraufzogen: Während die angewandte Wissenschaft in den privaten Unternehmungen eine ungeheure Vielfalt künstlicher Produkte hervorbrachte und ständig neue Anwendungsbereiche erschloss, führte die systematische Erforschung ihrer Neben- und Folgewirkungen ein eher kümmerliches Schattendasein. Wenn überhaupt das grundsätzliche Defizit einer gesellschaftlich orientierte Wissenschaft erkannt wurde, dann galt sie als öffentliche Aufgabe unter staatlicher Trägerschaft. Die auf den Produktnutzen ausgerichtete Wissenschaft wird privatisiert, ihr Pendant aber, welches die Erforschung spezifische Risiken zu seinem Gegenstand erklärt, in gesellschaftliche Zuständigkeit abgeschoben, der Staat und Politik, fest in das Fortschrittsmodell des industriellen Zeitalters integriert, nie gerecht geworden sind. Diese verhängnisvolle Aufspaltung deutete sich mit den Teerfarben und der sich aus ihnen entwickelnden großindustriellen Chemie erstmals an; damit stahlen sich die privaten Kapitalgesellschaften und die dort angewandte Wissenschaft aus der Verantwortung für die Folgen ihrer Tätigkeit davon.

Auszug aus:
Gerd Spelsberg, Im Fieber des Farbenrausches.
Aus: Arne Andersen/Gerd Spelsberg (Hg.), Das Blaue Wunder. Zur Geschichte der synthetischen Farben. (Köln 1990; vergriffen)