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Erstelldatum: 06.09.2008

Regelsatz 132 ????

An die Herren Professoren
Friedrich Thießen und Christian Fischer
TU Chemnitz,
Fakultät für Wirtschaftswissenschaften,
E-Mail: finance@wirtschaft.tu-chemnitz.de
Gert Flegelskamp
Rhönstr. 17
63071 Offenbach
eMail: gert@flegel-g.de



Sehr geehrte Herren,

Für Ihre Studie "Die Höhe der Sozialen Mindestsicherung" möchte ich recht herzlich danken. Ich finde die Studie genial und bin davon überzeugt, dass, im Falle man folgt Ihren Ratschlägen, das Arbeitslosen- und Sozialhilfeproblem schnell behoben sein wird.

Betrachte ich mir ihren Warenkorb, haben Sie wirklich an alles gedacht. Na ja, nicht wirklich, also sagen wir an fast alles. Natürlich werden die ewigen Nörgler einzuwenden haben, dass schon die Grundlage der Regelsatzberechnung des Bundes aus zwei Gründen keinen Bezug zu den echten Lebenshaltungskosten haben kann, denn

  1. sie ist bereits veraltet, bevor sie an die Regierung verteilt wird, denn die erhobenen Daten (Erhebungsjahr 2002) werden erst im Folgejahr verarbeitet bzw. berechnet/hochgerechnet. In der Erfassung sind auch all die Dinge, die sich das untere Quintal ohnehin nicht leisten kann. Erst Ende 2003 wurden die Daten präsentiert und erst im 2. Halbjahr 2005 hat Herr Müntefering das aufgrund der Bearbeitung seines Ministeriums erkannt, dass die Berechnung der Regelsätze genau dem Zahlbetrag entspräche. Real gesehen waren also die Daten von 2002 die Grundlage für die Regelsatzberechnung 2005, gültig bis 2010.
  2. die im unteren Quintal der aus der EVS für die Ermittlung der Regelsätze ausgesuchte statistische Bevölkerungsgruppe ist überproportional mit Kleinstrentern besetzt, deren Einkommen zu einem erheblichen Teil unterhalb der Sozialgrenze liegt, die aber aus Unwissenheit oder Scham keinen Antrag auf Aufstockung stellen. Das Besondere an dieser Gruppe ist, dass sie nur noch wenig isst, Kleider und Schuhe aus der Vergangenheit aufträgt, keine kulturellen Veranstaltungen mehr besucht und auch in anderen Bereichen keine Interessen mehr hat.
Aber mit solchen Kleinigkeiten wollen wir uns ja nicht lange aufhalten. Was macht schon das bisschen Inflation? Wird sie nicht immer vom Stat. Bundesamt so schöngerechnet, dass sie kaum ins Gewicht fällt?

Auch könnten solche Querulanten auf die Idee kommen, Ihr Warenkorb und ihre Regelsatzberechnung wären divergent, weil Sie z. B. einen Zuschuss zur Krankenkasse in Ihrer Aufstellung berücksichtigt haben (A2) , bei der Berechnung der Regelsätze diesen aber nicht berücksichtigt haben. Aber Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger sollten auch nicht krank werden. Schließlich tun sie ja nichts. Außerdem kommen Krankheiten ja von selbst, dann sollen sie gefälligst von selbst auch wieder gehen. Also streichen wir einfach den Arztbesuch (10 im Quartal), lassen auch den Zahnarzt und den Optiker links liegen und Medikamente sind ohnehin zu teuer.

Kritisch anmerken würden diese Stänkerer dann vielleicht auch, dass Arbeitslose in der Regel eine Eingliederungsvereinbarung abschließen müssen, in der sie sich verpflichten, mindestens 10 Bewerbungen im Monat nachzuweisen. Das können Vorstellungsgespräche oder schriftliche Bewerbungen sein. Dazu muss jeweils eine saubere Bewerbungsmappe erstellt werden und man muss sich auch persönlich vorstellen. Sie haben in Ihrer Studie von einem Ticket der CVAG gesprochen. Dabei geben sie den günstigsten Preis mit 23,- an, den Durchschnittspreis mit 37,- , nur konnte ich keine Erklärung finden, was den Unterschied ausmacht. Sie würden hier im Raum Frankfurt (RMV) dafür vielleicht eine Wochenkarte für zwei Tarifgebiete bekommen (im ungünstigsten Fall 2 Haltestationen), keinesfalls aber ein Monatsticket. Ob ein Arbeitsloser damit seinen Verpflichtungen nachkommen könnte, ist recht zweifelhaft, denn er muss ja teilweise auch in Nachbarorte für eine Vorstellung fahren. Aber wir wissen ja aus der Zeitung für Intellektuelle (BILD), dass sich die Arbeitslosen ohnehin drücken, ist doch ihr Leben völlig ausgefüllt mit Glotze, Schwarzarbeit und Sex mit der oder dem Partner(in), wobei die eheähnliche Gemeinschaft im Fragebogen der BA verschwiegen wird.
Wie das mit der Schwarzarbeit funktioniert, das habe ich mich schon oft gefragt (350 Mrd. im Jahr, sagt Prof. Schneider aus Linz). 360 Mrd. im Jahr, das sind im Monat 30 Mrd., verteilt auf 6 Millionen ALG-Empfänger, das mach 5.000 jeden Monat auf die Kralle. Da würde ich auch gerne arbeitslos sein. Und was erst die Unternehmer an Steuern und Sozialabgaben sparen, die diese 6 Millionen schwarz arbeiten lassen. Böse Zungen meinen ja, das wäre Betrug am Staat, mit Schwarzarbeitern Steuerhinterziehung zu begehen. Was für ein Unsinn. Leute mit Geld betrügen den Staat nicht, sie probieren lediglich ein steuerbegünstigtes Finanzkonzept aus und finanzieren mit den Einsparungen evtl. die aufreibende Arbeit unserer Politiker oder auch Studien wie diese. Vielleicht könnten Sie und Herr Schneider sich zusammentun, diese Schwarz-Arbeitsplätze suchen und finden, in 400.- Jobs oder EEJ umwandeln und schon wären alle Probleme gelöst. Aber Schwarzarbeit ist ja ein anderes Thema.

Nörgler finden ja immer was. Sie haben doch extra betont, dass die Wohnkosten nicht eingerechnet wurden, dabei die Strom- und Wasserkosten zu den Wohnkosten gerechnet. Das ist auch richtig, denn diese Kosten fallen ja durch das wohnen an. Wenn man die Wohnkosten nicht einrechnet, interessieren die Rechnungen für Strom und Wasser auch nicht.
Theoretisch könnten sich die Arbeitslosen ja am Morgen waschen, denn Seife bekommen sie ja, nur praktisch nicht, denn Wasser gibt es nicht. Theoretisch könnten Sie auch die ihnen zugestandenen 2,4 KG Reis oder Nudeln kochen, aber praktisch nicht, denn sie haben kein Wasser und keinen Strom. Der Genuss roher Kartoffeln ist zwar gewöhungsbedürftig, aber ein wenig Eigenverantwortung müssen die Arbeitslosen schon beweisen. Der Wassergehalt roher Kartoffeln ersetzt dann sicher auch die nicht vorgesehene Tasse Kaffee oder Tee. Auch der zugestandene Fernseher wird auf die Dauer langweilig, weil die Auswahl der Programme mangels Strom sehr stark eingeschränkt ist. Da kann es dann schon mal passieren, dass jemand den Fernseher in die Ecke oder aus dem Fenster wirft. Vielleicht sollten sie deshalb die Leistungen für einen Fernseher ein wenig erhöhen, denn da erscheinen mit 1,37 (in der Maxiversion) ein wenig zu kurz bemessen.

Getränke zu den Mahlzeiten, außer vielleicht einem Viertel Liter Milch am Tag stehen einem Arbeitslosen nicht zu (das Wasser in der Maxiversion (1,5 ltr. am Tag) geht wohl für Waschen und Zähneputzen drauf). Betrachte ich mir die angegebenen Preise, steigen Tränen in meine Augen. Warum wohne ich nicht in Chemnitz, wo ich 100 g Brot für 5 Cent bekomme, das Pfund (500 g) für 25 Cent. Ich zahle hier glatt 99 Cent im billigsten Discounter. Auch die Milch für 49 Cent ist hier 30 Cent teurer. Von den anderen Preisen gar nicht zu reden.

Fassen wir zusammen: Arbeitslose haben keinen Anspruch darauf, sich zu waschen, ihre Nahrungsmittel zu kochen (aber züchten wir da nicht Kannibalen heran, wenn die mangels Strom ihr Fleisch roh verzehren müssen?), Ihre Wäsche zu reinigen, ihre Lampen auch zu nutzen und müssen in Läden kaufen, die, betrachte ich mir die Preise, irgendwo im Schlaraffenland liegen müssen. Fährt die CVAG da hin?

Ich finde das genial. Da wird so viel gemeckert, weil ein paar der Leute verhungert sind. Das schließen Sie aus. Sie lassen sie in einem Berg von Brot, Gemüse und Fleisch verhungern und verdursten. Genial finde ich auch die Frage an ihre Studenten, ob man die Arbeitslosen als Gegenleistung für die 132,- arbeiten lassen sollte. Möglicherweise haben einige Ihrer Studenten schon gemerkt, dass man in den Semesterferien keinen Job mehr bekommt, aber im Großen und Ganzen haben die vom Arbeitsmarkt Null Ahnung und somit auch keine Vorstellung davon, wo der Gegenwert in Form von Arbeit herkommen soll, in den sie Arbeitslose drängen wollen. Dieses Nichtwissen war dann natürlich behilflich, dem vorbestellten Ergebnis der Studie zu dienen und dabei noch Umfragewerte anzuführen. Ich hätte da ein paar Vorschläge. Vielleicht jedem Professor ein Butler, ein Dienstmädchen und eine zusätzlich Haushaltskraft, für jeden Studenten eine(n) Arbeitslose(n), der ihnen ihre Arbeiten und Dissertationen schreibt (es gibt schließlich genug arbeitslose Akademiker).

Aber, meine Herren, Sie wissen, dass es in der Wissenschaft nicht reicht, eine mit einem defekten Taschenrechner errechnete Theorie aufzustellen. Eine seriöse Studie muss mit einem Feldversuch die Stimmigkeit der Theorie beweisen. Ich halte für einen korrekten Beweis eine EVS-Periode für angebracht. Ich würde mich gerne an dem Versuch beteiligen und schlage Ihnen deshalb vor, Sie leben fünf Jahre von den 132,- aus dem errechneten Ergebnis Ihrer Studie. Ihre fortlaufenden Bezüge aus Steuergeldern werden in dieser Zeit an mich überwiesen und ich teste in dieser Zeit, welche obskuren und irrelevanten Schnapsideen ich produziere, wenn ich monatlich die hohen Bezüge eines Hochschulprofessors verprassen muss. Nach 5 Jahren veröffentlichen wir dann unsere Ergebnisse und die Welt erfährt dann endlich genau, dass 132,- im Monat reichen, wenn man arbeitslos ist, denn Sie habe es ja 5 Jahre lang im Selbstversuch bewiesen. Ich kann dann beweisen, welchen Irrwitz man produziert, wenn man aus dem Vollen schöpfen kann.

Zum Schluss noch einmal, die Studie ist echt scharf. Wäre ich Obelix, würde ich Sie als Römer einstufen und Sie wissen sicherlich, welchen Lieblingsausspruch Obelix über die Römer äußert. Aber natürlich bin ich nicht Obelix, ich kann mir nur seine Überlegungen zu Eigen machen. Eine Frage habe ich noch, wer hat Sie für diese Studie bezahlt? Ich meine, neben dem Steuerzahler. (BDI? BDA? INSM? Der Bürgerkonvent?). Es ist schön, zu wissen, dass Hetzpropaganda Einzug in die wissenschaftliche Arbeit gefunden hat. Es wird schließlich Zeit, dass man sich von der irrigen Ansicht trennt, dass Wissenschaft Wissen schafft.

Mit freundlichen Grüßen
Gert Flegelskamp

Die Studie