Neue Weltordnung

Aber derselbe Sinn der Geschichte, der den Krieg notwendig werden ließ, verlangt mit gleicher Notwendigkeit den endgültigen Sieg des Militarismus. In einem höheren Sinne sind ja alle Kriege, noch bevor sie erklärt sind, bereits entschieden. Wer den Sinn der Geschichte zu erkennen vermöchte, würde das letzte Resultat aller großen historischen Kämpfe voraussagen können; und darin eben ruht die tiefe Sinnlosigkeit des Krieges überhaupt, daß er stets um ein Ergebnis geführt wird, das bereits von vornherein feststeht. Diesmal heißt dieses Ergebnis: Sieg des Militarismus. Denn nur der Sieg des militaristischen Geistes wird unsere Zeit in den Stand setzen, die Aufgaben zu lösen, die ihr die Weltgeschichte gestellt hat. ...

So besteht denn die erste Aufgabe unserer Zeit in der Zerstörung. Alle sozialen Schichtungen und gesellschaftlichen Formungen, die das alte System geschaffen hat, müssen vernichtet, die einzelnen Menschen müssen aus ihren angestammten Milieus herausgerissen werden; keine Tradition darf mehr als heilig gelten; das Alter gilt nur als Zeichen der Krankheit; die Parole heißt: was war, muß weg. Die Kräfte, die diese negative Aufgabe unserer Zeit ausführen, sind: auf dem wirtschaftlich-sozialen Gebiete der Kapitalismus, auf dem politisch-geistigen die Demokratie. Wieviel sie bereits geleistet haben, wissen wir alle; aber wir wissen auch, daß ihr Werk noch nicht ganz vollbracht ist. Noch kämpft der Kapitalismus gegen die Formen der alten, traditionellen Wirtschaft, noch führt die Demokratie einen heißen Kampf gegen alle Kräfte der Reaktion.Vollenden wird das Werk der militaristische Geist. Sein Uniformierungsprinzip wird die negative Aufgabe der Zeit restlos durchführen: wenn erst alle Glieder unseres Kulturkreises als Soldaten unseres Kultursystems uniformiert sind, ist diese eine Aufgabe gelöst.

Dann aber erst erhebt sich die andere, größere und schwierigere Aufgabe: der Aufbau der neuen Ordnung. Die Glieder, die nun aus ihren alten Verwurzelungen und Schichtungen herausgerissen sind und ungeordnet, anarchisch herumliegen, müssen zu neuen Formungen und Kategorien geschlossen werden; wurden bei der Lösung der ersten Aufgabe alle zunächst einmal für gleich erklärt, so müssen die Menschen nun wieder geteilt und differenziert: ein neues pyramidales, hierarchisches System muß errichtet werden. Auch diese Aufgabe versuchte der Kapitalismus zu lösen; wir wissen, mit welchem Mißgeschick. Er nahm die fundamentale Trennung in Herrschende und Beherrschte nach falschen Gesichtspunkten vor: nach denjenigen des Reichtums, der kapitalistischen Macht. Auch diese zweite Aufgabe wird nur der militaristische Geist lösen können kraft seines anderen großen Leitprinzips der Subordination. Er wird den wahren aristokratischen Grundsatz zur Herrschaft bringen: Herrschen soll, wer herrschen kann."

Ist aber dieses beides durchgeführt, das alte System zertrümmert und die neue Ordnung errichtet, dann gilt es ein Drittes zu leisten, ohne das dieses ganze Werk unvollendet wäre, durch das erst die neue Ordnung sich als der alten überlegen, als die höhere erweisen wird: es wird nötig sein, die neue Gesellschaft nun zu einem einheitlichen, geschlossenen Organismus zu gestalten. ... ...

Mit der Lösung dieser größten zentralen Aufgabe unserer Zeit wird aber der militaristische Geist auch ein anderes Ideal verwirklichen, das in unserem Jahrhundert erst eigentlich sich entwickelt und Bahn gebrochen hat: das Friedensideal. ...

(Nahum Goldmann: Der Geist des Militarismus, Stuttgart/Berlin, Deutsche Verlagsanstalt; 1915, Seite 37 f)