| Navigation aus Navigation an | Erstelldatum: 13.12.2009 |
Köpenickade 2007Ein Leserbrief, den ich ohne weiteren Kommentar veröffentliche. Sehr geehrter Herr Flegelskamp,"Ohne Arbeit kein Paß, ohne Paß keine Arbeit" - das war der HAUPTMANN VON KÖPENICK, zu einer Zeit, als in England die "Titanic" gebaut wurde mit Rettungsbootplätzen ausschließlich für die 1.und 2.Klasse. Soviel zur Achtung der Menschen damals - aber heute, so scheint - sind wir gar nicht so weit davon entfernt, in unserer ach so aufgeklärten, "demokratischen" Vernunftswelt........ anbei ein interessanter Bericht zum Thema Wohnungs- und Arbeitssuche, unter anderem veröffentlicht auf www.ciao.com. Bericht:
Hartz IV? Gibt es einen Weg aus dieser Sozialfalle? Ihr Job ist aus welchen Gründen auf immer verloren? Ihr Arbeitslosengeld I Anspruch ist erschöpft? Dann sind Sie hier richtig und herzlich willkommen im Kreis der ALGII Empfänger- im Volksmund auch Hartz IV Abhängige genannt! Sie wollen wieder unabhängig sein, wollen sich die Vorurteile: Sicher, die deutsche Wirtschaft boomt und es gibt weniger Arbeitslose – diese Mitteilungen in den Zeitungen und Fernsehberichten lassen Arbeitssuchende, gerade in den neuen Bundesländern, einen Hoffnungsschimmer in die Augen steigen – allerdings, wie sieht die Wirklichkeit aus? Wir sind drei Langzeitarbeitslose die unverschämter Weise dem Staat auf der Tasche liegen – Hartz IV Empfänger. Jeden Monat Überleben trainieren mit 345 Euro – jeder der dies einmal erlebt hat wird nicht mehr die Nase rümpfen über die Bezieher von ALGII, sondern nur noch mitleidige Blicke verschenken. Wir. Das sind: männlich, 46 Jahre- seit 2004 in Thüringen wohnend, weiblich, 45 Jahre (ich) seit 2001 in Thüringen wohnend und männlich, 43 Jahre seit 2005 nicht mehr in Thüringen sondern wieder in NRW wohnend. Freunde, die sich zusammen gefunden haben um aus diesem Kreislauf Hartz IV herauszukommen. Doch auf einmal wird man fündig, man hat eine Adresse bekommen wo man sich eingehend über eine Arbeitsaufnahme informieren kann. Man besucht diese Veranstaltung und man staunt: Nicht weit von hier, in den Niederlanden- da wird unsere Arbeitskraft gesucht. Da sind wir nicht zu alt, da sind wir kein Abschaum weil unser Einkommen die Quelle Hartz IV ist- da, genau da, könnte man wieder Fuß fassen, eine Aufgabe bekommen und ein Einkommen erarbeiten ohne dem eigenen Kind sagen zu müssen: Ich kann Dir nichts kaufen weil das ALGII dafür nicht vorgesehen ist. Wir haben diese Arbeitsquelle entdeckt, haben uns beworben, ein paar Zeilen nur – ohne den unsinnig übermäßigen Standart der hier herrscht und wir haben die Aussage bekommen: Ja, wir hätten Arbeit für Sie und wir wollen Sie – wenn Sie hier im Grenzbereich wohnen würden. Das heißt Umzug! Überlegen müssen wir nicht lange, ein weiterer Freund (mein Freund) will mitkommen, er lebt zwar nicht von Hartz IV sondern hat eine Arbeit- jedoch ist er allein erziehend und bekommt hier in Thüringen 1038 € netto als Maschinenbauer. Übrigens, 2 € weniger als er vor einem Jahr ALGI hatte! Nun sind wir schon 4 Erwachsene. Meine Tochter, 20 und Soldat auf Zeit, ist begeistert von unserem Vorhaben. Wieder zurück in die Heimat gehen und nicht mehr jeden Cent der Mutter geben zu müssen damit sie dem Bruder z.B. eine neue Hose kaufen kann- selber nach der Bundeswehrzeit eine bessere Chance zu bekommen als in Thüringen- sie will mit. Also sind wir nun 5 Erwachsene. Mein Sohn? Er will hier in Thüringen bleiben. Nicht nur weil es hier landschaftlich so wunderschön ist - er hofft darauf, nach dem sozialen Jahr im Krankenhaus hier in Bad Salzungen, eine Ausbildungsstelle zu bekommen. Er hat alles dafür gegeben- sogar 12 Tage am Stück gearbeitet hat ohne eine Tag frei zu bekommen! Die Hoffnung wird zerstört. Auf Grund seines Notendurchschnittes von 3,5 sagt der Klinikleiter dass es eine Gefahr für das Krankenhaus wäre, ihn mit seinen schlechten Noten einzustellen. Nächste Hoffnung zerstört. Also sind wir jetzt 6 Menschen am Bord. Menschen, die von hier weg wollen um eine menschenwürdige Arbeit aufnehmen zu können. Einen Job wo man was leisten kann und darf und auch eine dementsprechende Bezahlung für die geleistete Arbeit bekommt. Wir machen uns an die Arbeit. Wir sprechen nochmals persönlich mit den Personalmitarbeitern in den Niederlanden. Sie sagen: Ja, wir wollen Euch – aber Ihr müsst hierher ziehen. Also gehen wir auf die Suche nach einer neuen Bleibe. Einer Unterkunft die bezahlbar ist und dennoch nicht zu den „Slums“ einer deutschen Großstadt zählt. Auch wenn wir hier in Thüringen Hartz IV bekommen so haben wir dennoch unsere Würde nicht verloren. Noch nicht… Aus Kostengründen haben wir uns entschlossen dass wir eine Wohngemeinschaft gründen. Wir kennen uns viele Jahre, kennen einander die Macken die wir haben und, wir wollen finanziell wieder auf die Beine kommen. Die Suche geht los - die erste Besichtigung, die zweite, die dritte… Jede Besichtigung scheitert an der Tatsache dass wir zwar arbeiten wollen aber derzeit auf Kosten des Staates schmarotzen(??). Einen Arbeitsvertrag wollen die Vermieter sehen – können wir nicht anbieten, da es nun mal so gehandhabt wird, das man eine Wohnung vorweisen muss um einen Arbeitsvertrag zu bekommen. Sicher haben wir derzeit eine Wohnung – nur nicht da wo sie sein sollte. Nämlich im Grenzgebiet zu den Niederlanden – denn da wird unsere Arbeitskraft gesucht. Versuche dies den Vermietern klar zu machen scheitern kläglich. Manch ein Vermieter will souverän die Abneigung überbrücken, sagt: Gegen Hartz IV habe ich nichts- aber wenn sie einen Tag die Miete zu spät zahlen werde ich ihre Möbel aus dem Fenster schmeißen. (Diese Wohnung hatte nicht einmal im Badezimmer eine Türe!) Ein anderer Vermieter fragt: Haben Sie überhaupt Möbel? Sie können hier nicht einfach auf der Erde hausen wie die Penner. Ein anderer befürchtet: Da gehen bestimmt sämtliche Hartz IV Empfänger hier ein und aus und werden das schöne neu renovierte Treppenhaus verschandeln. "Vorurteile, Vorurteile, Vorurteile……………" Wir versuchen es anderes, gehen zur ARGE und fragen nach was wir tun können um hier in der anderen Stadt Fuß zu fassen. Die Mitarbeiter schauen uns an als kämen wir von einer anderen Galaxie. Arbeiten in den Niederlanden? Davon habe ich ja noch nie gehört. Mit neuem Mut stürzen wir uns auf die Adressen – suchen uns auf einer Autobahnraststätte einen Bank und telefonieren mit dem Handy alle Nummern ab. Manche Vermieter zeigen großes Verständnis für Hartz IV Empfänger, sagen: Ach, da kann man doch drüber reden- kommen sie einfach mal vorbei…Man fährt hin und dann bekommt man Fragen gestellt die dermaßen ins Intimste gehen das ich verzweifelt heulend die Gespräche abgebrochen habe. Nicht nur das der Vermieter Kontonummer, Steuernummer, Gehaltsnachweise (woher sollen wir die bitte schön nehmen?) sehen will, er will auch mit dem Sachbearbeiter meiner Bank sprechen, allen meinen Vorvermietern und meinen ehemaligen Arbeitgebern. Er will Arbeitszeugnisse sehen – damit er einen Überblick hat ob wir jemals schon gearbeitet hätten. Und, er will den neuen Arbeitsvertrag sehen damit er sich davon überzeugen kann ob das alles was wir erzählen auch die Wahrheit ist! Als wir ihm erklären das es einen Arbeitsvertrag erst dann gibt wenn wir eine Wohnung im Grenzgebiet nachweisen können ist seine Reaktion: „ Na, dann weiß ich ja das sie hier nur gelogen haben…“ Nach 10 Tagen intensiver Suche, über 3500 gefahrenen Kilometern bei der größten Hitze geben wir entnervt auf. Wir haben kaum noch Geld um nach Hause fahren zu können. Aber aufgeben werden wir nicht. Die Zeit sitzt uns zwar im Genick- ewig warten die Niederländer nicht auf uns- aber sobald wir es können – sprich wenn es Geld gegeben hat- werde ich wieder fahren und mit unserem Freund weiter auf Suche gehen. Es heißt in dem ALGII Gesetz: Man soll bereit sein der Arbeit gegebenenfalls hinterher zu reisen- dazu sind wir bereit. Aber wenn man sich mitten in dem Film „Hauptmann von Köpenik“ befindet ist es ein sinnloses Unterfangen. Wir sind nicht nur der Arbeit hinterher gefahren, wir haben uns mit schlimmsten Bedingungen herum geschlagen. Kaum Geld in der Tasche, 10 Tage schlafen auf dem Fußboden bei einem Bekannten in einer 1 Zimmerwohnung weil man sich kein Zimmer irgendwo leisten kann und Beschimpfungen, Beleidigungen usw. erlebt. Aber wir geben nicht auf – wir wollen weg aus Hartz IV, weg aus der Schande als Arbeitsscheu zu gelten und wieder rein ins das normale soziale Leben. Wir wollen eine Arbeit mit einem menschenwürdigen Lohn und dafür werden wir kämpfen. Diesen Gedanken dies hier aufzuschreiben trage ich schon seit einer Woche mit mir herum. Irgendwie fehlte mir der Anstoß es zu tun. Heute jedoch war in der Salzunger Tafel ein Mitglied des Deutschen Bundestages, die Vorsitzende des Peditionsausschusses. Mit ihr hat unser Freund sich unterhalten und sie hat ihn gebeten dies alles nieder zu schreiben und ihr zukommen zu lassen. Und so ist dieser Bericht entstanden. Diese ganzen Zeilen sind leider kein Märchen, schon gar nicht ein modernes Märchen. Es ist, und wer den Film kennt der weiß wie ich es meine, die Auferstehung des Films vom Hauptmann Köpenik. Damals hieß es: Ohne Arbeit keinen Paß und ohne Paß keine Arbeit. Heute heißt die Geschichte: Ohne Arbeit keine Wohnung und ohne Wohnung keine Arbeit. Fazit: Wir wollen arbeiten und sind bereit dafür, wieder einmal ins kalte Wasser zu springen und wieder einmal von vorne anzufangen – aber wenn man ALGII bekommt dann ist man mit einem Kainsmerkmal versehen. Ca. 80 potentielle Vermieter haben uns dies sehr deutlich gezeigt! | |