Navigation aus Navigation an Auszug einer Rede von Gerhard Schröder, Ministerpräsident des Landes Niedersachsen - BandabschriftUntertitel: Der wiederauferstandene Münchhausen! Oder - was interessiert mich mein Geschwätz von gestern! Auszüge aus einer ursprünglich 12 Seiten langen Rede Liebe Genossinnen! Liebe Genossen! Liebe Freundinnen! Liebe Freunde! Und vor allen Dingen, lieber Helmut Schmidt! Nach seinen eigenen Maßstäben ist Helmut Kohl der Kanzler der Arbeitslosigkeit. Er ist der Kanzler der leeren Kassen und der drückenden Schulden, der Kanzler der ungerechten Verteilung, jener, der die soziale Marktwirtschaft zerrissen und das Soziale verdrängt hat. Helmut Kohl, das ist wahr, ist der Kanzler, der die staatliche Einheit vollziehen durfte, aber der die Gesellschaft gespalten hat. Die Union, seine Partei, kuscht vor diesem Kanzler, aber sie folgt ihm nicht. Wohin auch und wie denn? Dem Stillstand kann man schließlich nicht folgen. Was diese Regierung, liebe Genossinnen und Genossen, uns als Stabilität verkaufen will, ist nichts weiter als Erstarrung, als Stagnation und als lähmender Pessimismus. Ich will einen Wahlkampf führen, der die Menschen mitreißt, mitreißt zu einem Aufstand gegen die Alternativlosigkeit. Ich will mit euch zusammen eine Politik machen, die in Deutschland wieder Hoffnung weckt. Deutschland will Anschluß gewinnen an den Aufschwung, einen Aufschwung, der Europa erfaßt, weil unsere Freunde und Nachbarn neue Kraft aus neuen Konzepten gewonnen haben. Das ist in England so, in Frankreich, in den anderen europäischen Staaten, und das wollen wir auch für Deutschland bewerkstelligen. Wir setzten auf den Optimismus der Menschen, nicht auf ihre Ängste. Auf Angst zu setzen, das ist das Rezept des Wahlkampfpfarrers der CDU. Uns, liebe Freundinnen und Freunde, beirrt das nicht. Unser Volk - das wissen wir - wünscht den Regierungswechsel. Seit März - das weisen alle Daten aus - glauben die Menschen in Deutschland auch, daß er kommt. Das ist der Grund, warum Schäuble und andere jetzt, wo sie nur können, Ängste vor viel zuviel Wandel schüren. Sie kalkulieren kalt: Die Folgen der Globalisierung, das Tempo der technologischen Veränderungen, die Vereinigung, die Ablösung der D-Mark durch den Euro - das alles hat durchaus Unsicherheit unter die Menschen gebracht. Das möchte Schäuble, das möchte die Union politisch ausbeuten .Aber, liebe Genossinnen und Genossen, es ist nicht Veränderung, vor der Deutschland Angst haben muß. Nein, Angst haben muß man in Deutschland vor einer unfähigen politischen Führung in Bonn, einer politischen Führung, die die Menschen im Stich gelassen hat und weiter im Stich läßt. Wenn wir unserer Nation die Sorge nehmen wollen, dann müssen wir Ursache und Wirkung korrekt benennen. Die wichtigste Ursache der Krise in Deutschland, liebe Genossinnen und Genossen, das ist die Bonner Regierung, das ist diese Koalition. Weil das immer mehr und mehr Menschen in Deutschland spüren, gibt es den untauglichen Versuch der Bonner Koalition, Beschlüsse bei den Grünen, die mit uns Sozialdemokraten nun wirklich nicht zu machen sind, zu einer absurden Drohung mit Rotgrün aufzublasen. Ich sage sehr deutlich: Eine von mir geführte Bundesregierung wird ohne Wenn und Aber zu den Verpflichtungen der NATO stehen. Gewiß, wir werden das Dreiliterauto fördern und fordern. Aber wir werden nicht den Benzinpreis zur Ursache neuer sozialer Ungerechtigkeit machen. Wir haben - und das ist notwendig - den großen Kassensturz angekündigt. Die Regierung - das ist bereits jetzt sichtbar - hinterläßt Schulden, riesige Schattenhaushalte und eine Abgabenhöhe in nie gekanntem Ausmaß. Die öffentlichen Haushalte - das wissen die Kolleginnen und Kollegen in den Ländern, in den Gemeinden ebenso - sind kaum noch seriös zu kalkulieren. Auf diesen Vorbehalt möchte ich, liebe Genossinnen und Genossen, fünf Grundsätze beziehen, fünf Grundsätze, die unsere Politik bestimmen werden. Hier gilt es in Deutschland wieder anzusetzen: beim Leistungswillen und bei der schöpferischen Kraft unserer Menschen. Die muß der Staat ermutigen, die darf er nicht behindern. Der zweite Grundsatz: Realismus und Tatkraft sind uns wichtiger als Ideologie. Wir wollen politische Handlungsfähigkeit zurückgewinnen. Wir werden deshalb nicht alles anders machen, aber wir werden es wirklich besser machen. Das schaffen wir mit Realitätssinn und Lebensnähe; zum Beispiel durch eine moderne Arbeitszeitpolitik, etwa für mehr Teilzeit; durch eine Bildungs- und Qualifizierungsoffensive, die unserer Befähigung zum lebenslangen Lernen wirklich dient; durch eine Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft, die es gerade den Frauen ermöglicht, kontinuierlich am Erwerbsleben teilzunehmen, wenn sie das denn wollen; durch eine Steuerreform, die Existenzgründer in den Anfangsjahren von der Unternehmensbesteuerung befreit. Der dritte Grundsatz ist: Wir werden nicht in den Risiken der Globalisierung befangen sein, sondern wir wollen und wir müssen deren Chancen entwickeln. Ja, es ist wahr: Wir können von anderen Ländern lernen. Aber wir können und wir dürfen nichts kopieren. Wir werden in unseren eigenen Strukturen unsere eigenen Antworten finden müssen. Aber wir werden nicht Opfer der Globalisierung werden, sondern mit neuer Politik ihre Chancen nutzen. Der vierte Grundsatz wird sein: Wir suchen bei jedem Problem, das auf uns zukommt, den Konsens und die Zusammenarbeit mit allen gesellschaftlichen Gruppen. Das tun wir unabhängig vom Parteibuch und von formaler Zuständigkeit, auf Zeit, wenn nötig, und auf konkrete Problemlösungen orientiert. Ich habe, liebe Genossinnen und Genossen, die Erfahrung gemacht: Es gibt in unserer Bevölkerung unendlich viel Sachverstand, der nur darauf wartet, genutzt zu werden. Das verstehen wir unter einer neu gedachten konzertierten Aktion. Schließlich fünftens: Wenn die Menschen am 27. September die Regierungsverantwortung in unsere Hände legen, dann haben sie ein Recht auf Transparenz und auf Überprüfbarkeit unseres politischen Handelns. Ich will dafür ein Beispiel geben. Ich habe in Niedersachsen gute Erfahrungen damit gemacht, daß nicht alle Gesetze gleich für die Ewigkeit gedacht und gemacht werden. Es ist nur vernünftig, auch Gesetze auf ihre Wirksamkeit und ihre tatsächlichen Auswirkungen zu überprüfen.
Ich werde in meiner Regierungserklärung deshalb anregen, neue Gesetze da, wo es eben geht, mit einer Überprüfungsfrist zu versehen. Liebe Freundinnen, liebe Freunde, nie seit den Gründungsjahren der sozialen Marktwirtschaft war die deutsche Arbeitsgesellschaft so zerrissen wie heute: gespalten in Arbeitsplatzbesitzer und Arbeitslose, gespalten in die, die Überstunden kloppen, und die, die auf ungesicherte Gelegenheitsjobs angewiesen sind, vor allen Dingen aber gespalten zwischen denen, die sich ökonomisch sicher fühlen, weil ihre Arbeitsplätze ungefährdet sind und denen, die Angst um die eigene materielle Zukunft und die ihrer Familien haben. In der Sozialen Marktwirtschaft müssen sich die Unternehmen fragen lassen, was denn das Soziale an ihrem unternehmerischen Handeln ist. Aber die Regierung muß sich fragen lassen, wie es ihr gelingt, ein Gesamtkonzept für Arbeit und Wachstum zu schaffen. Ein Stückwerk von einzelnen Maßnahmen, das alles hat in der Vergangenheit nichts gebracht, liebe Genossinnen und Genossen.
Ich will es deutlich sagen: Die Erleichterung des Kündigungsschutzes für Unternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten brachte bislang ebensowenig neue Arbeit wie die Veränderung der Ladenschlußzeiten oder die gesetzliche Regelung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Ich habe noch nicht gehört, daß die- oder derjenige, der krank ist, beim Lebensmittelhändler 20 Prozent Rabatt bekommt. Davon, liebe Genossinnen und Genossen, habe ich noch nichts gehört. Wahrscheinlich liegt das nicht an mir, sondern vermutlich an den Tatsachen. Wenn das aber so ist, dann bringt Krankheit nicht weniger an Belastungen mit sich, sondern eher mehr. Dann gilt der Satz, den alle Gewerkschaften unterschrieben haben, nämlich daß derjenige, der krank ist, nicht mehr verdienen soll als derjenige, der arbeitet. Aber diejenigen, die krank sind, mit dem Entzug dringend notwendigen Geldes zu bestrafen, dies, liebe Genossinnen und Genossen, halte ich persönlich für unanständig.Daß es auch anders geht, ist in diesem Land bewiesen worden. Es waren doch sozialverantwortlich denkende Unternehmer, Betriebsräte und Gewerkschaften, die in den meisten Fällen durch ihre Vereinbarungen sehr viel bessere und sehr viel wirksamere Lösungen gefunden haben. Programme für die Gesundheitsvorsorge, abgesprochen zwischen den Unternehmensleitungen und den Betriebsräten, waren zum Teil so erfolgreich, liebe Genossinnen und Genossen, daß sich in vielen Betrieben der Krankenstand nahezu halbiert hat. Es geht auf der Basis der Freiwilligkeit. Man muß die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht ständig drücken, wie die anderen das vorhaben. Wir wollen diesen Unsinn, den die jetzige Bundesregierung beschlossen hat, korrigieren. Wie alle neuen Maßnahmen werden wir die Rücknahmen und die Korrekturen in der Konsensrunde des neuen "Bündnisses für Arbeit" abgleichen. Wir werden ein Gesamtkonzept mit den Kolleginnen und Kollegen in den Gewerkschaften, mit den Arbeitgebern, aber auch zusammen mit der Wissenschaft schmieden, ein Konzept, das Sozialpolitik und Arbeitsmarktpolitik, Steuerpolitik und Wirtschaftspolitik miteinander verzahnt und auf diese Weise ein gesellschaftliches Klima des Vertrauens schafft, in dem wirtschaftlicher Aufschwung nicht nur als Chance, sondern als Realität wieder möglich wird. Liebe Freunde, Innovation und Gerechtigkeit - viele meinen ja, das gehe nicht zusammen. Sie wollen in Lagern denken, weil es dann so einfach ist, die Menschen gegeneinander auszuspielen. Die einen, das sind dann die Technokraten und kalten Modernisierer. Die anderen, das sind dann die Traditionalisten und die Verteidiger des bewährten Systems. Die einen, so wird gesagt, verwalten das Wachstum und die anderen die Gerechtigkeit. Das ist keine Politik für eine moderne Industriegesellschaft, liebe Genossinnen und Genossen. Das ist spalterische Politik, die wir nicht wollen und nicht zulassen dürfen. Innovation und Gerechtigkeit, das sind keine Gegensätze. Das bedingt einander. Dies werden wir in Deutschland deutlich machen. In diesem Bereich des Wirtschaftslebens gibt es sehr viele, die wir durch unsere Politik für uns gewinnen können. Es sind dies die vielen - laßt mich das noch einmal sagen -, die dir, Helmut Schmidt, in besonderer Weise vertraut haben und das noch heute tun. Es sind die vielen, von denen wir manche auf Grund objektiver Bedingungen - das ist wohl wahr -, aber auch wegen eigener Fehler verloren haben. Um das Vertrauen dieser Menschen zu kämpfen, lohnt sich für uns keineswegs nur aus wahltaktischen Überlegungen heraus, liebe Genossinnen und Genossen, sondern weil sie der Kern, das Rückgrat unserer Wirtschaft sind, von dem wir alle leben und an dem wir alle interessiert sein müssen. Was bedeutet "Gerechtigkeit" für den Handwerksgesellen, der sage und schreibe fünf Stunden lang arbeiten muß, um sich auch nur eine einzige seiner eigenen Arbeitsstunden leisten zu können? Was bedeutet "soziale Sicherheit" für den Selbständigen, der bei der ersten Liquiditätspanne riskieren muß, nie wieder auf die Beine zu kommen, weil er mehr als seine ganze Existenz verloren hat? Wie in einem Brennglas, liebe Freundinnen und Freunde, verdichten sich hier die wirtschaftlichen und sozialen Blockaden der letzten 16 Jahre, Blockaden, für die die Bonner Koalition verantwortlich ist und die sie jetzt in dreist formulierten Programmen meint, aus der Welt schaffen zu können. Was sind das für Leute, die 16 Jahre lang in diesem Land Verantwortung tragen und jetzt, nach 16 Jahren, den Anspruch erheben, in der Steuerpolitik, bei der Verteilungsgerechtigkeit, bei der Reform des Staates den Ton angeben zu können. Nach 16 Jahren Versagen nenne ich es eine Dreistigkeit, wenn diese Menschen meinen, sie könnten dieses Land weiter führen. Die Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen macht heute 2 bis 4 Prozent aller Subventionen aus. Man muß wissen, daß auch durch Prämien für Existenzgründungen im Handwerk mit nur 6 500 DM ein neuer Arbeitsplatz zu schaffen ist. In der Industrie kostet der gleiche Arbeitsplatz 250 000 DM. Das ist der Grund, warum wir uns viel mehr als in der Vergangenheit um diese Betriebe, um ihre Leistungsfähigkeit werden kümmern müssen. Wir brauchen nicht mehr Geld für Programme, sondern wir brauchen mehr Transparenz in den Programmen und mehr Ehrlichkeit. Es hat doch keinen Zweck, über Vergünstigungen das an die Unternehmen zurückzugeben, was wir ihnen vorher durch Bürokratie und ihre Belastungen genommen haben. Das gilt im übrigen auch für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, liebe Genossinnen und Genossen. Die wichtigsten Leistungsträger unserer Gesellschaft, die Facharbeiter, die Angestellten und ihre Familien, eben die Empfänger mittlerer Einkommen, drohen zu verarmen. Über Steuern und Abgaben werden ihnen bei uns direkt und indirekt rund zwei Drittel des Bruttoeinkommens entzogen. Die Schere zwischen dem, was ihre Arbeit kostet, und dem, was die Menschen in der Tasche behalten, ist in den letzten 16 Jahren immer größer geworden. Diese Schere zu schließen, liebe Genossinnen und Genossen, das ist eine ureigenste Aufgabe der deutschen Sozialdemokratie. Eines ist dabei klar: Eigenvorsorge, die notwendig ist, kann nur erwarten, wer gleichzeitig den Arbeitnehmern die finanziellen Spielräume dafür eröffnet. Das wollen die Herren in Bonn nicht einsehen - noch ein Grund, sie abzulösen. Was sie auch anfassen mit ihren Vorschlägen, die soziale Wirklichkeit erfassen sie niemals Diese Leute haben in Bonn das Steuersystem wirklich in die Krise geführt. Von Steuergerechtigkeit zu reden, weckt blanken Hohn, und das ist nachvollziehbar. Die nominalen und die realen Steuersätze klaffen weit auseinander. Das ist der Kern der Ungerechtigkeit nicht nur zwischen Lohn- und Einkommensteuerzahlern, sondern auch zwischen verschiedenen Unternehmen. Ich halte es für richtig, daß wir bei den Steuersätzen in unserem Wahlprogramm klare Marken gesetzt haben. Aber klar ist: Je deutlicher wir Steuervergünstigungen abbauen, desto stärker können wir an die Steuersätze heran. So herum geht das und nicht andersherum, liebe Genossinnen und Genossen. Liebe Freundinnen und Freunde, wenn sich die Welt ändert, wenn sich die Menschen ändern und mit ihnen die Wirtschaft, die Unternehmen und die Arbeitsplätze, dann bieten alte Systeme häufig nicht mehr Sicherheiten, sondern weniger. Deshalb haben wir in unserem Wahlprogramm festgelegt: lieber Lohnnebenkosten subventionieren als Vollzeitarbeitslosigkeit bezahlen. Damit werden, wie die Erfahrungen in den Nachbarländern zeigen, schnell neue Jobs für die weniger Qualifizierten entstehen. Das wäre endlich mal wieder eine Reform. Durch Abbau, Streichung und Kürzung allein wird keines der Probleme wirklich angepackt. Die Arbeitsgesellschaft - das wissen wir - wandelt sich in rasantem Tempo; die Lebenswirklichkeit der Menschen verändert sich und damit auch die Formen des Zusammenlebens. Ganze Biographien werden durcheinandergewirbelt. Doch auf keine dieser Herausforderungen ist wirklich eine Antwort gefunden worden. Statt dessen fressen sich die Probleme, die mit diesem Strukturwandel einhergehen, immer tiefer in unsere Gesellschaft hinein. Ich sage das mit Bedacht auch und gerade den Kritikern dieser Ankündigung: Es geht hierbei nicht um Tausende von Mark oder gar um fünfstellige Summen, sondern es geht dabei, liebe Genossinnen und Genossen, um Durchschnittsrenten, die zwischen 900 und 1300 DM liegen - im Monat wohlgemerkt. Personen mit solch einer Rente sind betroffen. Um diese geht es bei den Maßnahmen, die die Union jetzt auf den Weg gebracht hat. Die ganz einfache Frage, die ich nicht nur an euch, sondern vor allen Dingen an diejenigen habe, denen es besser geht, lautet: Wie würden Sie, die Sie selbst ein ausreichendes, ein gutes oder - ich bin zum Neid völlig unfähig - ein hohes Gehalt haben, reagieren, wenn Sie von 900 oder meinethalben von 1300 DM im Monat leben, ihre Miete bezahlen, den Lebensunterhalt bestreiten und all das, was man so braucht, bezahlen müßten; wenn dann jemand käme und sagte: Da gehen wir jetzt ran; da ist eine Möglichkeit zum Kürzen; darauf konzentrieren wir uns, weil das ja die Masse ist, die es ja bekanntlich bringt? Wie würden diejenigen, die in der Gesellschaft Gott sei Dank stärker sind, wohl reagieren? Ich vertraue darauf, daß es in diesem Land immer noch eine Mehrheit gibt, der es Gott sei Dank gut geht und die dann sagen wird: Wir sehen ein, daß die deutschen Sozialdemokraten Rentenkürzungen dieser Art, die vor allen Dingen diejenigen betreffen, die als Witwen ihr Leben fast hinter sich haben, nicht gestatten können und dieses für schlicht unanständig halten. Ich bin davon überzeugt, daß wir immer noch in einem Land leben, in dem die Stärkeren wissen, daß ihre Stärke ihnen nur Freude machen kann, wenn sie auch für die Schwachen eintreten, in dem die Gesunden wissen, daß sie eine Verpflichtung haben, den Kranken zu helfen, und in dem vor allen Dingen die Jüngeren wissen, daß sie die verdammte Pflicht haben, denen, die vor ihnen waren, in ihrem Lebensabend zu helfen und sie nicht bedrängen dürfen. Wenn das klar ist, liebe Genossinnen und Genossen, dann kann und muß man allen sagen: Unser Mehr-Säulen-Modell, also die Kombination aus einer beitragsfinanzierten Grundsicherung - ich nenne das Garantierente - mit stärkerer Eigenvorsorge, mit betrieblicher Altersversorgung und der Beteiligung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer am Produktivvermögen, wird das Konzept für eine langfristige Sicherung der Altersvorsorge sein. Wir werden diejenigen sein, die es installieren werden und müssen. Wer aber Eigenvorsorge will, wer will, daß die Menschen mehr für sich selber sorgen, der darf doch nicht hergehen und die kleine Lebensversicherung, die sie sich zusammengespart haben, dann auch noch wegsteuern. Aber nicht nur der Quotenproporz zeichnet eine gute Politik für Frauen und Männer aus. Das wäre zuwenig. Wir haben in Deutschland die elternfeindlichste, vor allem aber die frauenfeindlichste Schulwirklichkeit Europas. |