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Selenz` Kommentar 31. Dezember 2004

Die käufliche Republik

Dazu als Buch des Jahres: "Kaufen Sie sich einen Minister"*

*Helmut Böger erschienen 1982 im Walter Rau Verlag Düsseldorf               ISBN 3-7919-0204-0

Kein Tag vergeht, an dem nicht ein neuer Abgeordneter bekennt, von einer Firma "gesponsort" zu sein. RWE ist eifrig bemüht, die weiteren Kandidaten unter der Decke zu halten, von denen in den letzten Wochen bereits die Rede war. "Internen Quellen" zufolge sind darunter Gewerkschafter der IGBCE. Nun geben sich die ersten VW-Abgeordneten zu erkennen. VW spendiert sogar den Dienst-Golf. Besonders bemerkenswert: Hauptaktionär der VW AG ist das Land Niedersachsen. So hat man sich die Vollversorgung in einem Landesbetrieb immer vorgestellt. Die VW-Aufsichtsräte Wulff und Hirche fordern Aufklärung. Sind VW-Abgeordnete Volks-Vertreter oder Volks-Wagen-Vertreter? Welchem Herren dienen sie? Welche Ziele verfolgt VW?
Da geht es im öffentlichen Dienst vergleichsweise korrekt zu. Dort werden Zahlungen an Abgeordnete für die Zeit der Abordnung eingestellt - zumindest nach jetzigem Kenntnisstand.

Die Parteien bemühen sich, den öffentlichen Flurschaden zu begrenzen. Dies gelingt jedoch nur oberflächlich. Unter der Decke brodelt es gewaltig. Die Volks-Vertreter haben gerade Millionen Arbeitslose finanziell völlig entblößt - mitten im kalten Konjunktur-Winter. Sie sind auch der Meinung, man solle eine ganze Stunde arbeiten - für einen Euro. Für diesen Euro arbeiten die Volks-Vertreter noch nicht einmal eine Minute - unter Berücksichtigung ihrer durchschnittlichen Arbeits-/Sitzungszeit. Dabei ist schon unterstellt, dass sie zumindest die Hälfte der Sitzungen besuchen. Eine optimistische Annahme, wie der Blick in die Parlamente zeigt. Den Rest ihrer Zeit arbeiten unsere Volks-Vertreter offensichtlich für die eigene Kasse, bzw. für die ihrer Sponsoren.

Bis dato ging ich - wie übrigens viele andere Bundesbürger auch - davon aus, dass eine Abgeordnetentätigkeit ein Vollzeitberuf ist. Jetzt mühen sich viele Volks-Vertreter - so z. B. Anwälte -, staunenden Bürgern klar zu machen, dass man die Parlamentsarbeit durchaus auch als Nebenerwerb betreiben kann. Die eigentliche Anwaltstätigkeit muss unter der Parlamentsarbeit nicht über Gebühr leiden. Die Gebühren sind im Büro eh noch höher als im Parlament. Das Abgeordnetenmandat eines Anwalts soll sich dem Vernehmen nach zudem nicht unbedingt negativ auf die Zahl der Mandanten auswirken. Oft wird sogar von einer nicht unerheblichen Steigerung der Mandantenzahl berichtet. Da bleibt dann wirklich nicht mehr viel Zeit für das Parlament. Man kann sich ja schließlich nicht zerreißen. Und der Mandant geht schließlich vor dem Mandat.

Bedenkt man ferner, dass z. B. die Preussag/TUI AG Abgeordnete und Beamte mit einer zweistelligen Millionensumme pro Jahr "betreut", wird die Heimlichkeit einiger Volks-Vertreter und der Justiz noch verständlicher. Das Sponsoring der Preussag/TUI findet "unter dem Tisch" statt - mit Schwarzgeld aus der Schweiz. Das ist der Justiz bekannt. Da nach Informationen aus Kreisen der Justiz explizit "kriminelle" Richter und Staatsanwälte ebenfalls auf der Liste stehen sollen, stockt die Aufklärung im System. Das ist - menschlich - sogar überaus verständlich!

Es geht allerdings auch anders. Aber darüber wird sogleich der Mantel des kollektiven Schweigens gebreitet. Der niedersächsische Landtagsabgeordnete Eppers hat am 23. Dezember 2004 die kompletten Einkünfte aus seiner Abgeordnetentätigkeit auf Euro und Cent genau aufgedeckt. Die belaufen sich bei MdL Eppers auf exakt 110 580 Euro pro Jahr. Davon sollte man leben können. Warum sich seine Kolleginnen und Kollegen in den Parlamenten mit der Aufdeckung ihrer Volks-Vertreter-Bezüge so schwer tun, ist den Bürgern spätestens seit RWE und VW klar.

Mein Vorschlag daher als Buch des Jahres. "Kaufen Sie sich einen Minister". So der Titel eines Büchleins von Helmut Böger. Bögers Satire wurde inzwischen zur exakten Beschreibung bundesdeutscher Realität - nicht zuletzt durch das "Schein"-heilige Vorwort von Johannes Rau. Betrugsflieger Rau, Protagonist der käuflichen Republik, lieferte Realsatire in ihrer besten Form.


Buchbesprechung durch: Prof. Dr.-Ing. Hans-Joachim Selenz

Helmut Böger - Kaufen Sie sich einen Minister -

                   und andere Satiren aus dem öffentlichen Dienst

Mit einem Vorwort von Johannes Rau

Walter Rau-Verlag, Düsseldorf 1982                ISBN 3-7919-0204-0

Der Autor beleuchtet schon in seiner ersten Geschichte - Kaufen Sie sich einen Minister oder Investieren ist besser als Korrumpieren - die politische Wirklichkeit in diesem unserem Lande. Böger tut dies mit einiger Präzision, wenn er schreibt: "Kaufen Sie sich einen Minister. Greifen Sie rechtzeitig zu, dann ist er billiger. Das ist wie beim Pferdesport. Traber, die einige Trophäen geholt haben, sind teurer. Fangen Sie deshalb rechtzeitig an! Das kommt billiger und Sie haben mehr davon." Später schreibt er. "Minister muss man züchten, dann sind sie billiger und haltbarer. Dazu bedarf es intensiver Brutpflege." Auch da hat Helmut Böger zumindest in Teilen recht. Er beschreibt gleichsam die Sparversion politischer Landschaftspflege. Ein Handbuch für den minderbemittelten Investor sozusagen. Es geht nämlich auch teuerer und mindestens ebenso effektiv, wenn man in einen aktiven Minister-(Präsidenten) investiert. Dann aber richtig. Danach kann man sich völlig frei und ungezwungen bewegen - an allen Gesetzen vorbei. Bestes Beispiel: Friedel Neuber aus Duisburg-Reinhausen und sein Schutzpatron Johannes Rau aus Wuppertal-Katernberg. Neuber widerlegt damit zugleich eine Kernthese des Autors und beweist, dass Korrumpieren bisweilen die durchaus bessere Alternative sein kann - bei ausreichend Kapital.

Böger hatte ausgerechnet Johannes Rau gebeten, ein Vorwort für sein Buch zu schreiben. Jenen "Bruder Johannes", der aller Welt als ein Mensch gilt, der er niemals war - christlich und ehrlich. "Dessen Dickköpfigkeit von Mitmenschen stets als Moral gedeutet wird" (s. Hans-Georg Wenke in "Bergische Persönlichkeiten"). Helmut Böger konnte damals sicher noch nicht einmal in seinen schlimmsten Alpträumen ahnen, wen er mit diesem Grusel-Schüttelfrost-Realsatire-Vorwort beauftragt hatte. Man kannte sich halt. Wie man sich halt so kennt....
Vorwort-Schreiber Johannes Rau ist da schon sehr viel weiter, wenn er sagt: "Manchem Leser dieser satirischen und fantastischen Geschichten von Helmut Böger wird ein mildes, mittelstarkes Gruseln oder auch ein kleiner Anfall von Schüttelfrost nicht erspart bleiben.
Es begegnet uns der arme verwaltete Mensch, mag er fliegen oder träumen......". Und später: "Mir scheint, es ginge ihm nicht um grobschlächtige Denunziation, sondern vielmehr um die Erklärung jener untergründig und hintergründig wirkenden Gewalt in unserem Dasein, die wir uns geschaffen haben, die uns leiden macht und die viele Gesichter hat. Auch in der durch Ironie und Fantastik verfremdeten Erscheinung erkennen wir sie wieder, diese nirgends verbotene Gewalt - als Bürokratie, als Wissenschaftshörigkeit, als Klüngel, Statusdenken, Arroganz, Hochmut, Leistungswahn, Herrschsucht und so weiter.... Vielleicht ergeht es manchem Leser so wie mir: Ein drohender Zeigefinger des Autors und ein Enthüllungsfanatismus ist in diesem Buch nicht zu entdecken, aber eine große Ähnlichkeit mit unserer Wirklichkeit".
Dies schrieb Johannes Rau im Jahre 1982. Da kannte er bereits fast alles- aus gelebter Erfahrung. Rau tat viele Dinge, die verboten sind. Dinge man einem normalen Staatsbürger nie durchgehen ließe. Denn, so Wolf Biermann: "Keiner tut gern tun, was er tun darf - was verboten ist, das macht uns gerade scharf". Das bewusste Übertreten unserer Gesetze. Finaler Kick der bundesdeutschen "Elite", die alles hat, alles bestimmt und alles kontrolliert - sogar "ihre" weisungsgebundenen Staatsanwälte. Den "drohenden Zeigefinger" musste Top-Politiker Rau nie fürchten.

Das Vorwort Johannes Raus macht das Buch nach mehr als 20 Jahren zu einem Spiegel unserer Gesellschaft. Rau damals noch Präsident in spe und noch nicht unterwegs auf den kriminellen Schwingen des West LB-Jets. Sein Motto aber damals schon: Der Geld-Schein heiligt die Mittel. Vom süßen Apfel dieser Erkenntnis hatte er bei Intim-Freund Neuber bereits in großen Bissen genossen. Diese Erkenntnis scheint indes durch das Vorwort des Scheinheiligen Mannes nicht im entferntesten durch. Er entdeckte bei Böger "große Ähnlichkeit mit unserer Wirklichkeit". Rau persönlich machte zur Realität, was bei Böger nur Satire war.

Peine, den 31. Dezember 2004
gez. Prof. Dr.-Ing. Hans-Joachim Selenz