| Navigation aus Navigation an | Erstelldatum: 25.07.2007 |
Die Herren mit den weiten TaschenKaum ein Tag vergeht, an dem nicht die Presse berichtet: Fa. xxx übernimmt Fa. xyz, oder, wie heute (25.07.2007): "Otto trennt sich von Computerhändler, - 1.300 Mitarbeiter betroffen -", Grund ist die "Besinnung aufs Kerngeschäft". Komisch, auch wenn Konzerne sich besinnen, stehen Arbeitsplätze auf dem Spiel. Ach Siemens kauft und verkauft. Verkauft wird die VDO für 11,4 Mrd. €, gekauft wird die US-Medizintechnikfirma Dade Behring für 7 Mrd. $. Wenn Firmen gekauft werden, ist das selten wirklich lukrativ für die Unternehmen, aber fast immer lukrativ für die Vorstände. Mit der richtigen PR-Strategie werden bei den Übernahmeankündigungen die Kurse kurzfristig ansteigen und damit dem Vorstand die Gelegenheit gegeben, seine Einkünfte geringfügig zu steigen (so zwischen 30% und 200%). Das geht, weil die meisten Aktionäre keine oder wenig Ahnung von dem gesamten Geschäftskomplex des Unternehmens haben und deshalb den Analysten der Banken vertrauen. Die sind aber von jeder Fusion begeistert, ist es doch immer ein geeigneter Zeitpunkt, Kredite in das Unternehmen zu pumpen. Geben sie Kaufempfehlungen ab, unterstützen sie den Erwerb der Aktien dadurch, dass sie selbst die eine oder andere Aktie beim Kurs-Hoch auf den Markt werfen. Nun ja, ich muss zugeben, dass das meine Sicht ist, eine Sicht, die sich nicht auf ein überschäumendes Wissen von Wirtschaftsaktivitäten stützen kann. Ich kann mich allenfalls auf Presseveröffentlichungen berufen und Beispiele wie z. B. DaimlerChrysler, Vodafone oder Siemens anführen. Lassen Sie sich also von mir nicht beeinflussen, wenn Sie Aktien eines Unternehmens kaufen das fusioniert und freuen Sie sich, wenn Ihr Verlust in Grenzen bleibt, weil man zum Ausgleich ein paar hundert oder tausend Mitarbeiter entlassen hat. Sicherlich kommt auch noch die Zeit, dass Herr Steinbrück oder sein Nachfolger den Kursverlust bei Aktien generell als Verlustabschreibung bei der Steuererklärung berücksichtigt. Oder geht das heute schon? Aber die weiten Taschen der Herren Vorstände lassen sich auch noch auf andere Weise füllen, wie das Beispiel Freenet beweist. Natürlich kann ich mich auch in diesem Fall nur auf Pressinformationen stützen und da meiner Kenntnis nach noch Verfahren anhängig sind, kann es ja durchaus sein, dass Herr Spoerr, das ist der Vorstandschef von Freenet, doch noch einen justiziellen Freifahrtsschein für seine Aktivitäten bekommt. In diesem Fall ist dieser ganze Beitrag hinfällig. Worum geht es? Anlass für diesen Artikel war ein Hinweis eines Lesers auf einen Artikel in der Wirtschaftswoche. Aktuell geht es in diesem Bericht um ein Aktienwertsteigerungsprogramm, das aber scheinbar gleichzeitig ein "füll die Taschen des Vorstands" Programm zu sein scheint.
Zur Zeit der Ankündigung lag der Kurs bei rund 24 €. Jetzt, nach der Hauptversammlung ist er auf rund 17.50 € gesunken. Mein Neid machte mich neugierig, mehr zu erfahren, um vielleicht auch einen Weg zu finden, mal einen ordentlichen Batzen in meine Taschen fließen zu lassen. Also lese ich weiter. Der gute Spoerr scheint auch Gegner zu haben, die ihm bei der Hauptversammlung das Leben zur Hölle machen wollen (inzwischen war die Hauptversammlung, aber darauf komme ich noch). Die Gegner fordern eine Zerschlagung des Konzerns und den Verkauf der Einzelteile. Mehr noch, es soll eine Art Generalabrechung geben, weil der Wirtschaftsprüfer Marc Münch, ehemaliger Leiter des Rechnungswesens von Freenet (Verzeihung wenn ich den altmodischen Begriff Rechnungswesen, statt neudeutsch "Controlling" verwende) dem Vorstand Betrug, Untreue, Insiderhandel und Geldwäsche vorwirft. Dazu hat er den Staatsanwälten in Hamburg und Kiel sowie diversen Aufsichtsbehörden, darunter der Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) in Frankfurt und der US-Wertpapieraufsicht SEC in New York ein 940 Seiten starkes Dossier vorgelegt. Also stellt sich mir die Frage, ist Marc Münch ein rachsüchtiger Mensch, der geschasst wurde und sich nun rächen will? Der Artikel in der WiWo gibt darüber keine Auskunft, Jetzt geht es da nur noch um die Vorwürfe der Gegner Spoerrs und seine Dementis. Also muss ich weiter graben, schließlich will ich wissen, ob ich Spoerrs "füll mir die Taschen" Programm nicht selbst auch nutzen kann. Und wie ich da so still vor mich hin googele (ist das so richtig geschrieben), finde ich auch eine Seite des Tagesspiegel mit der Überschrift: "Das Leben könnte so schön sein". Ich lese sie und der einzige Bezug zu Freenet ist der Schlusssatz. Es ist eine so nette Satire, dass man sie zur Auflockerung zwischendurch lesen sollte. Hier ist sie. Schließlich werde ich fündig. Bei boomcompany.com finde ich nicht nur einen Artikel. Ich könnte (wenn ich wollte) mir auch das ganze Dossier von Marc Münch herunter laden. Aber 940 Seiten sind mir denn doch zu viel Lektüre. Aber ich finde zwei weitere PDF-Files. Das erste hat "nur" 200 Seiten, das andere 24 Seiten. Das 24-seitige lese ich und hier bekomme ich nicht nur ausführliche Informationen in Kurzform, sondern auch noch einen Schnellkurs in Wirtschaftsrecht, dabei auf eine (wie ich finde) gut geschriebene Art, die es einfach macht, dieses PDF-File wirklich komplett zu lesen. Hier erfahre ich auch, welches Motiv Marc Münch (nach meiner Einschätzung) hatte. Nicht Rachsucht hat ihn geleitet, denn er hat seine Vorwürfe schon in seiner Zeit als Leiter des Controllings (sehen Sie, geht doch mit dem Neudeutsch) an den Aufsichtsrat berichtet. Offensichtlich wurde er vom Aufsichtsrat abgewimmelt. Ob er nun wegen dieser an den Aufsichtsrat berichteten Vorwürfe geschasst oder rausgemobbt wurde, oder aus freien Stücken gegangen ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Für mich war wichtig, dass es noch Manager der zweiten Ebene gibt, die nicht jede Schweinerei des Vorstandes mitmachen, sondern bereit sind, Ihren Job aufs Spiel zu setzen, um sich am Morgen bei der Rasur auch noch im Spiegel betrachten zu können (wobei ich natürlich nicht weiß, ob er sich rasiert). Ich lerne, wie man eine Internetadresse erwirbt (freenet.de, für 25.000), von der man weiß, dass sie man sie im eigenen Unternehmen benötigt und sie dann zum vierfachen Preis an das eigene Unternehmen weiterverkauft. Ich lerne, wie man eine Beteiligungsgesellschaft gründen kann, um Firmen aufzukaufen, die eigentlich noch keine sind und sie dann in der Bewertung hochgeschnellt an eine Fa. mit einem befreundeten Vorstandschef zu einem horrenden Preis zu verkaufen. Vom 2. PDF-File habe ich nur noch das Inhaltsverzeichnis gelesen. Es ist eine Dokumentation der Vorgänge, wie freenet gegründet wurde und welche Rolle Mobilcom dabei gespielt hat, welche Rolle die iWorxx spielt und einiges mehr. Falls es Sie interessiert, können Sie es hier herunterladen. Doch ich wusste genug, um meine Idee, meine Taschen nach Spoerr-Manie zu füllen, wohl doch nicht der rechte Weg ist (roch mir doch zu stark nach Mafiamethoden). Also kann ich die Größe meiner Taschen lassen, wie sie ist, auch wenn sie weiterhin leer bleiben. Dennoch schaut mir aus dem Spiegel am Morgen ein selbstzufrieden grinsendes Gesicht entgegen. Ach ja, die Hauptversammlung war ja bereits, aber sicher haben Sie den Verlauf bei boomcompany schon gelesen, also kann ich mir den Bericht über den Verlauf sparen. Noch etwas. Sollte jemand meinen, dieser Beitrag gehöre auch auf seine Seite, ganz oder modifiziert, so habe ich keine Einwände. Ist doch dieser Vorgang ein Lehrstück über die Mechanismen eines sich selbst regulierenden Marktes, das man der Allgemeinheit nicht vorenthalten sollte. |
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