Navigation aus    Navigation an

Offener Brief an die Bundesfamilienministerin, Frau Renate Schmidt

e-mail: poststelle@bmfsfj.bund.de

Sehr geehrte Frau Bundesfamilienministerin,

eine Sendung des MDR vom 05.04.05 "unter sex Augen", Thema: "Nie erwachsen", eigene Erfahrungen und Fragen bzw. Berichte in einschlägigen Foren veranlassen mich, Ihnen eine Problematik aus der Sicht von HartzIV etwas näherzubringen. Diese konkrete Problematik hat meiner Meinung nach sehr viel mit Familienpolitik zu tun, weil es völlig neue Aspekte im Familienleben aufwirft und auch hier HartzIV die negative Ursache ist.

Im Thema der MDR-Sendung ging es , wie Sie unter http://www.mdr.de/hier-ab-vier/unter-sex-augen/1896279.html nachlesen können, um das "Loslassen" der erwachsenen Kinder, um die Überbehütung und Überversorgung, um das " selbständig" werden von seinen erwachsenen Kindern. Nun schafft die Bundesregierung, der Sie als Ministerin angehören, mit der Reform Agenda 2010, seinem HartzIV-Gesetz unerträgliche Tatsachen, sowohl für die erwachsenen Kinder, als auch für die Eltern.

Unser Sohn, 24 Jahre, ist seit Abschluß der Lehre arbeitslos, hat zur z.Zt. einen 2-€-Job, der auf 6 Monate begrenzt ist, und bekommt HartzIV mit einem Regelsatz von 25,60 €, weil die Agentur rechtswidrig von einer Bedarfsgemeinschaft ausging. Bei der Unterhaltsvermutung einer Haushaltsgemeinschaft, wäre dies vermutlich kaum anders.

Was passiert in solch einem Falle (und da wird es tausende Familien geben) in den Köpfen der Eltern und der bereits schon erwachsenen Kinder?

1. Aus der Sicht der Eltern:

Nun haben wir versucht unser Kind, so weit es uns gelungen ist, ordentlich zu erziehen. Er hat einen Beruf erlernt, und es wird Zeit, ihn auf die Menschheit loszulassen. Raus aus dem "Hotel Mama"!

Aber wie mit 25,60 € pro Monat? Oder ist jede Familie in der Lage ihrem Kind 300,00 € Taschengeld zu geben? Es soll ja welche geben, die ihren Kindern zum Geburtstag einen Porsche schenken können.

Bei einer Berechnung der Agentur für Arbeit von 25,60 € wird ja nur die Einkommenssituation der Eltern zugrunde gelegt. Da wird nicht gefragt, ob die Eltern überhaupt Unterhalt in dem Umfang zahlen können!! Es wird nicht gefragt, wieviel Unkosten durch die Eltern monatlich von ihren Gehältern beglichen werden müssen, nicht weil sie zuviel Geld für Luxus ausgeben, sondern vielleicht 2 Autokredite zahlen müssen, weil sie zwei Autos bedingt durch Schichtarbeit benötigen, um zur Arbeit zu kommen. Das alles spielt keine Rolle. Die Eltern überfällt schon ein schlechtes Gewissen beim Mittagessen kochen. Soll etwas übrigbleiben für den Sohn? Dann ist das schon keine strikte Trennung der Haushaltsführung mehr. Sollen die Eltern bei einem Erwachsenen entscheiden, für was er das Geld ausgeben soll, was die Eltern zahlen sollen? Sie wollen Ihr Kind selbständig werden lassen, können Sie mir erklären wie?

Es entsteht sogar ein gegenseitiges Mißtrauen der Eltern, weil keiner dem anderen sagen will, wieviel er seinem Sprößling heimlich zugesteckt hat. Man wartet schon auf die Frage: "Du, der hat immer noch nicht abgenommen, hast Du ihm was zugesteckt?"
Soll ich an unserem Kühlschrank ein Schloß anbringen, oder neben dem Wasser-oder Bierkasten eine Büchse aufstellen, in der er dann einen Betrag einwirft? Soll ich einen Wachmann (oder noch besser einen 1- €- Jobber, der zudem noch gemeinnützig wäre) einstellen, der aufpasst, dass kein Stückchen Wurst geklaut wird, oder soll ich die Scheiben Wurst zählen? Man könnte ja in den Verdacht kommen, das keine getrennte Haushaltsführung besteht. Den einzigsten Beweis den wir liefern könnten, eine strikte Haushaltstrennung vorzunehmen, wäre, ihn verhungern zu lassen.

Sie haben eindeutige Regelungen geschaffen, gratuliere!

Noch besser ist die Wohnungssuche des Sohnes in der jetzigen Situation. Wohnt er weiter bei uns, besteht die Unterhaltsvermutung. Schmeissen wir ihn raus, sind wir Rabeneltern, und die Agentur sagt wörtlich: "Ihre Eltern wollen sich wohl der Verantwortung entziehen?" (Name des MA ist bekannt). Würden Sie dies ebenfalls als Beleidigung unserer Bemühungen, ein Kind zu erziehen, ansehen? Schmeissen wir ihn nicht raus, geht das Rätselraten von vorn los. Dies alles macht das Familienleben für die Eltern nicht leichter, und es ist entwürdigend! Das schlimmste aber ist die Feststellung:"Wir haben unser Kind erzogen, nach bestem Wissen, haben Ihn ernährt, mit Rat und Tat zu Seite gestanden und nun hat er keinerlei Perspektive, keine Zukunft!

Das macht krank!! Ich wiederhole das, es macht krank!

Welche Eltern würden ihre Kinder und dann die Enkel nicht bis zu ihrem Tode unterstützen, aber nicht durch Zwang und mit einem ruhigen Gewissen.

2. Aus der Sicht des erwachsenen Kindes:

Jetzt muß ich den "Alten" wieder auf der Tasche liegen. Was mache ich bloß mit 25,60 € , das sind 0,82 Cent pro Tag. Bloss in die Glotze gucken ist auch nichts, und außerdem kann ich ja meine GEZ nicht bezahlen.

Wie und was soll ich die Eltern fragen, wenn ich etwas Geld brauche. Hoffentlich verplappere ich mich nicht, dass Mama mir etwas zugesteckt hat, oder ich Papa was aus dem Kreuz geleiert habe.

Soll ich den "Alten" fragen: " He Papa kaufst Du mir ein Kondom, ich bin heute in Form ?" Ne, Freundin ist ja schon bald Luxus. Mist, wenn man keine Perspektive hat. Ich kann an keine Zukunft denken, wenn ich immer noch am Rockzipfel der Mutter hängen muß! Und der "Alte" erst, oft versteht er nicht, wenn wieder eine Bewerbung abgelehnt ist, denkt immer, ich mache was falsch!

Es ist schon demütigend und menschenunwürdig die Lebensaussichten, da muß es ja öfters zum Streit mit den Eltern kommen. Jetzt darf ich nicht mal mehr Wurst aus dem Kühlschrank klauen, habe ja meinen Eigenen. Da ist aber nichts drin, was bekommt man denn für 0,82 Cent pro Tag? Können Sie mir das sagen?

Ich bin doch nicht faul, ich will arbeiten, deshalb mache ich auch den 2-€-Job.Ich möchte mir auch mal was Eigenes aufbauen, aber so ist das nicht möglich. Bin ich ein Versager? Die " Alten" arbeiten doch auch.

Werte Frau Schmidt, das sind nur einige Aspekte dieses unsäglichen HartzIV Gesetzes und die Auswüchse nehmen immer mehr zu. Nehmen Sie sich die Zeit und lesen Sie bei www.tacheles-sozialhilfe.de oder anderen Foren. Sie sollten dazu Herrn Clement und Herrn Schröder einladen, Motto der Veranstaltung: "Jetzt wollen wir dem "Volk" mal auf's Maul schauen". Sie sollten einmal Psychologen, Sozialwissenschaftler usw. beauftragen (in ehrenamtlicher Tätigkeit), welche Auswirkungen diese Tatsachen auf Familien hat. Gerade jetzt starten Sie eine Kampagne für gerechte Familienpolitik, Kinderzuwachs usw. Aber wer will und wer kann in dieser Zeit Kinder in die Welt setzen.Mein Sohn muß es wohl. Entweder er kauft sich Kondome, schützt sich vor Aids, oder er kauft sich für 25,60 € etwas zu Essen Beides geht nicht. In beiden Fällen ist er todesgefährdet. Entweder er stirbt an Aids oder er verhungert. Ich weiß nicht, für welche Methode er sich entscheidet. Das müssen Sie ihn schon selber fragen. Wir ertragen das gerade noch mit Galgenhumor, andere Familien sind daran vielleicht schon zerbrochen!

Wer nicht begreift, dass die Jugend unser höchstes Gut ist, und den jungen Menschen keine Perspektive bietet, hat versagt. Kampagnen und schöne Worte im Fernsehen nützen nichts, sondern nur Taten!

Ich erwarte hoffnungsvoll Ihre Anwort.

Mit freundlichen Grüssen

D. W.