| Navigation aus Navigation an | Erstelldatum: 02.06.2007 | |||||||||
Die Arbeitsmarktdaten sind getürktDer Aufschwung ist da. Die Arbeitslosenzahlen gehen zurück. Mit diesen Meldungen überschütten uns die Medien, die Politik und die Arbeitsmarktbehörden. Schaut man sich die Statistiken der BA an, kommt Verwirrung auf. Die Hauptstatistik ist ein Excel-Chart mit 74 Mappen und man muss eine Weile wühlen, bis man ein paar Zahlen zusammen hat. Betrachtet man sie, dann kommen erheblich Zweifel an der Echtheit der Aussagen. Der erste Hinweis betrifft den Umstand, dass die Zahlen der 69 Optionskommunen im veranschaulichten Material nicht vorhanden sind. Als zweite Info erfährt man, dass die Zahlen Hochrechnungen sind und die Original-Werte erst in 3 Monaten präsentiert werden können. Als dritte Info bekommt man die Definitionen, eine Zeichenerklärung. Natürlich fallen die Zahlen der Erfolgsmeldungen, dargestellt in Mappe 1 gleich auf. Im Mai nur noch 3.805.950 Arbeitslose. Im April waren es noch 3.966.648, also 160.698 Arbeitslose weniger. Aber gewöhnt daran, dass Statistiken etwas beweisen sollen, was in der Wirklichkeit ganz anders ist, schaue ich mich weiter um.
Auf Zeile 54 der Mappe 1 werde ich fündig. Unter der Zeile Leistungsempfänger finde ich neue Zahlen, die vor der Zahl einen Buchstaben enthalten. Klar, das sind die Abkürzungen aus den Hinweisen. Arbeitslosengeld ist dann wohl ALG I, Sozialgeld ist wie ALG II, allerdings für die im Leistungssystem der Sozialhilfe Verbliebenen, die also wegen fehlender Arbeitsfähigkeit nicht nach Hartz IV übernommen wurden. Das ist meine Interpretation, denn bei den Hinweisen fand ich keine Erklärung. Summiere ich diese Zahl, komme ich auf die erkleckliche Summe von 6.219.603 Empfängern von Arbeitslosengeld plus Sozialgeld, also insgesamt auf 8.131.998 Leistungsempfänger. Nun ja, ich weiß natürlich, dass es Empfänger von ALG II gibt, die nicht als arbeitslos gelten (siehe Hinweise). Da sind die Arbeitnehmer, die derart schlechte Einkommen haben dass sie trotz Arbeit noch ALG II beziehen. Das sind die Leute aus dem Systemkreis des SGB III, die zwar arbeitslos sind, aber nicht als arbeitslos gelten. Das sind entweder kranke Arbeitslose, oder Arbeitslose über 58 Jahre alt, die die Regelung nach § 428 (58er Regelung) unterschrieben haben, das sind arbeitslose allein erziehende Frauen mit Kindern, die der BA nicht nachweisen konnten, dass die Kinder tagsüber betreut werden. Aber auch ein Teil der Leute aus dem Konzept 50-plus und die Leute in der Zwangsarbeit der Arbeitsgelegenheiten, vom Arbeitsministerium als Zusatzjobs bezeichnet, doch am besten unter der Bezeichnung Ein Euro Jobs bekannt. Auch sie sind Arbeitslose, werden aber statistisch nicht als solche geführt. Auch Arbeitslose in "Fördermaßnahmen" fallen aus der Statistik raus, also Arbeitslose in Ausbildungsmaßnahmen, jugendliche Arbeitslose in Maßnahmen Förderung der Berufsausbildung und sonstige Fördermaßnahmen. Sie alle sind arbeitslos, werden aber nicht als solche geführt und ich möchte einfach wissen, wie das in konkreten Zahlen aussieht. Hinzu kommt noch dass es Arbeitslose gibt, die sanktioniert wurden, genauer, denen alle Bezüge gestrichen wurden. Mal sehen, ob auch darüber Daten zu finden sind. Allerdings in Mappe 1 steht da nichts. Mappe 2 und 3 enthalten die gleichen Daten wie Mappe 1, allerdings nur für Westdeutschland (Mappe 2) und Ostdeutschland (Mappe 3). Diese Selektion interessiert mich im Moment nicht. Also schaue ich, was Mappe 4 zu bieten hat. Ich werde mit einem neuen Begriff überrascht und natürlich wieder mit neuen Zahlen. Arbeitssuchend sind demnach 5.400.405 Menschen. Nun, arbeitssuchend können ja auch Leute sein, die noch einen Job haben. Aber als nicht arbeitssuchend gelten alle, die in irgendwelchen Maßnahmen stecken. Auch wer komplett sanktioniert ist, gilt als nicht arbeitssuchend sondern eher (für die BA) als nicht existent. Was ein wenig verblüfft, sind dann die Zahlen über Zugang und Abgang in bzw. aus Arbeitslosigkeit. Werfen wir noch einmal einen Blick auf diese Daten. wie passen sie zusammen? Seit Jahresbeginn wird ein Zugang an Arbeitslosen von 2.946.852 verkündet, darunter aus Erwerbstätigkeit 1.247.815 bzw. aus Ausbildung und Qualifizierung 524.834. Es fehlen noch 1.174.203 Zugänge, ohne eine Angabe, woher diese Zahl kommt. Bei den Abgängen ist das auch so. Angeblich sind im Mai seit Jahresbeginn 3.112.533 Abgänge zu verzeichnen, darunter 1.275.364 in Erwerbstätigkeit und 485.065 in Ausbildung und Qualifizierung. Wohin sind die übrigen 1.352.104 angeblichen Abgänge gewandert? Eine weitere Frage beschäftigt mich. Angeblich sinken ja die Arbeitslosenzahlen wegen des Aufschwungs in ungeahnter Schnelligkeit. Betrachte ich dann allerdings die Zahlen der Zugänge und Abgänge aus bzw. in Erwerbstätigkeit, stelle ich fest, dass die Zahl der Zugänge aus Erwerbstätigkeit mit 1.174.203 und die Zahl der Abgänge aus der Erwerbstätigkeit 1.275.364 nur einen Unterschied von 27.549 ausmachen. Das ist aber eine völlig andere Zahl, als die BA in der Presse und den Medien immer verlauten lässt. Rund eine halbe Million scheinen sich in Ausbildung und Qualifizierung zu befinden, wobei der Zugang mit 524.834 gegenüber dem Abgang mit 485.065 um 39.769 größer ist. Muss ich das so verstehen, dass 39.769 Menschen seit Jahresbeginn aus der Ausbildung oder aus Qualifizierungsmaßnahmen in die Arbeitslosigkeit entlassen wurden? Darüber gibt die Mappe 4 allerdings keine Auskunft. Auch nicht darüber, dass bei den Prozentzahlen über den Bestand Arbeitloser in der letzten Zeile nur ein Gesamtwert von 91,2% dargestellt wird. Werden die restlichen 8,8% in den Optionskommunen verwaltet? Mappe 5 und 6 zeigen die Werte von Mappe 4 für Westdeutschland (5) und Ostdeutschland (6). Mappe 7 ist noch einmal eine komprimierte Form von Mappe 1 nach Rechtskreisen (SGB II und SGB III) und die Aufteilung nach Ländern, aber für mich nicht so interessant. Ich suche also weiter. Die nachfolgenden Mappen befassen sich überwiegend mit den gleichen Daten, aufgesplittet nach Kreisen oder mit den offiziell bekannt gegebenen Daten. Interessant wird es dann wieder bei den verwendeten Instrumenten. In Mappe 9 finde ich wieder Zahlen, die mich interessieren könnten. Aber was bedeuten denn die verwendeten Bezeichnungen? Ich meine nicht, dem Wortlaut entstprechend, sondern was sich dahinter verbirgt. Also muss ich mal auf den Seiten des Arbeitsministeriums suchen, vielleicht erklärt man ja dort, was sich dahinter verbirgt.Übersicht der Förderinstrumente Ich muss gestehen, so richtig schlau werde ich aus den Daten dieser Mappe auch nicht. 38.338 Arbeitslose sind in die befristete Förderung der ABM-Maßnahme gesteckt worden. Eine Weiterbeschäftigung nach dem Ende der Förderungsleistungen an den Arbeitgeber ist eher selten, denn dann müsste er den vollen Lohn zahlen. Meist wird die Maßnahme auf 11 Monate beschränkt, damit für den Betroffenen kein Anspruch auf ALG I entsteht. Aber in der Arbeitslosenstatistik macht sich das gut, weil diese Maßnahmen in der Rubrik "Sozialversicherungspflichtige Tätigkeiten" geführt werden können. Ausgesprochen stutzig machen mich die Zahlen der letzten beiden Summenzeilen (Zeilen 66 und 68). dort steht:
Aber ich werde mal weiter suchen, vielleicht finde ich ja noch genauere Werte. In Mappe 26 finde ich die Werte der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Weil mich in der Betrachtung nur die Werte gesamt interessieren, habe ich aus Mappe 26 die Zeilen mit den Daten der Länder gelöscht. Betrachte ich die Zahlen der Vorjahresmonate Oktober bis Dezember, stelle ich eine deutliche Abnahme des sozialversicherungspflichtigen Jobs fest und keine Zunahme, wie offiziell verkündet wird. Aber in diesen Zahlen der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind noch die geringfügig Entlohnten enthalten. Die Zahlen finde ich in Mappe 34. Halten wir mal fest. Die Zahlen der abhängig beschäftigten Arbeitnehmer werden mit über 39 Millionen angegeben. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit über 26,5 Millionen. Aber darin enthalten sind 4,8 Millionen ausschließlich geringfügig Entlohnte und noch einmal 2 Millionen geringfügig Entlohnte in einem Nebenjob. Das bedeutet, dass von den 39.253 Millionen Beschäftigten lt. Mappe 24 (von mir nicht dargestellt) nach Mappe 34 nur 26.555.800, also nur 67% eine sozialversicherungspflichtige Arbeit haben, aber abzüglich der 4.824.700 ausschließlich geringfügig Entlohnten nur 21.731.100 Arbeitnehmer einen normal bezahlten Job haben, das sind nur noch 55,36%. Anders gesagt, über 44% aller als Arbeitnehmer aufgeführten Beschäftigten haben Minijobs, von denen man nicht leben kann. Aus den nachfolgenden Mappen habe ich nur wenige Daten herausgefiltert, weil sie ausschließlich unter Zugang und Abgang Arbeitslose nur die statistisch erfassten Arbeitslosen aufzeigen. Doch selbst hier sollten einige Zahlen genannt werden. Bedenken Sie, dass alle diese Zahlen nicht die Teilnehmer an Maßnahmen enthalten, also in der Realität weitaus höher sind. In Klammern gebe ich dann immer die Mappe an, in der die Zahlen zu finden sind, von mir aber nicht dargestellt wurden. Dazu müssten sie schon auf die Seite der BA gehen und die Excel-Datei öffnen.
Was in den Zahlen über Arbeitslose stets ausgeklammert wird, sind die 1.240.060 Arbeitslosen aus dem Regelkreis des SGB III. Außerdem kommen noch die Arbeitslosen der Optionskommunen hinzu, die bei all diesen Veröffentlichungen ausgeklammert sind. Schlicht gesagt, während man uns mit begeisterten Meldungen über den Aufschwung und die Erfolge auf dem Arbeitsmarkt ruhig stellt, wird der Arbeitsmarkt weiter zerschlagen. Der so genannte 2. Arbeitsmarkt (Mini- und Midi-Jobs, Kombilohnmodelle) soll weiter ausgebaut werden und der Sachverständigenrat unter Rürup hat gerade neue Verschärfungen für Arbeitslose ausgearbeitet, unter dem Deckmantel "der Anreize zur Arbeitsaufnahme." Aber das lesen Sie am besten auf der Seite des Arbeitsministeriums selber nach. Noch ist es so, dass nicht wenige Arbeitnehmer immer noch mit den alten Schlagworten hantieren (wer arbeiten will, findet auch einen Job). Auch Maßnahmen wie die Ein Euro Jobs werden immer noch von manchen Arbeitnehmern positiv beurteilt. Es sind Menschen, die sich nicht die Mühe machen, sich zu informieren. Sie glauben, Ein Euro Jobs verringern die angeblich Steuerfinanzierten Leistungen, weil sie nicht wissen oder nicht begriffen haben, dass der Ein Euro Job den Steuerzahler wesentlich teurer kommt als die bloße Transferleistung. Sie haben auch nicht begriffen, dass mit Ein Euro Jobs u. U. auch ihr Job gefährdet wird, weil Ein Euro Jobs sozialversicherungspflichtige Jobs vernichten. Änderungen sind nicht zu erwarten. Solange es der Politik problemlos gelingt, einzelne Gruppen gegeneinander aufzuhetzen, Arbeitnehmer gegen Arbeitslose, jung gegen alt, gesund gegen krank, solange kann die Regierung ohne Schwierigkeiten weiter damit fahren, Deutschland zu einem europäischen Bangladesch zu entwickeln. Hier noch für alle, die sich alle Zahlen anschauen möchten, der Link zu der Statistik: Arbeitsmarktstatistik der BA | ||||||||||