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Erstelldatum: 08.02.2011

Zeitarbeit

Eine Studie des BGB belegt nun, dass Leiharbeiter (Zeitarbeit) im Durchschnitt nur halb so viel verdienen, wie die mit der gleichen Arbeit beschäftigten Festangestellten. Und natürlich findet Herr Sommer, Chef des DGB, das empörend.

Ja, es ist empörend. Aber ebenso empörend finde ich, dass die Gewerkschaften großen Anteil daran haben, dass die Situation ist, wie sie ist. Ob jetzt die Debatte um Zeitarbeit oder auch um die vom BVerfG geforderte Klarstellung der Berechnungsgrundlagen, es dreht sich dabei nie um die Sache, sondern sind die ewig gleichen Themen, um die Wähler in die Irre zu führen und damit ihre Stimmen zu ergattern. In einem Beitrag vom mir im Jahre anno 2007 habe ich das schon einmal verdeutlicht. Damals war das Thema "der Mindestlohn und die Spielchen von Presse und Politik. Wer also behauptet, Geschichte wiederholt sich nicht, liegt falsch. Die Geschichte der Politik, des Kapitals und der diesen beiden Bereichen zuzuordnenden Mietmäuler aus der Wissenschaft und Presse ist stets gleich, eine ewige Endlosschleife. Programmierer nennen das einen Loop und ausgenommen bei einem begrenzten und kontrolliertem Loop führt dieser immer zum Programm- und nicht selten zum Systemabsturz. Politiker glauben, den von ihnen programmierten "Loop" unter Kontrolle zu haben. Mubarak dachte das auch.

Die Gewerkschaften sind heute eine parallele Welt der Parteien. Ob Bsirske nun mit seinem Vorstoß zum Generalstreik oder, wie hier, Sommer mit seiner "Empörung" über die Situation der Zeitarbeiter auf dem Arbeitsmarkt, es ist nur politisches Geplänkel, im Bewusstsein, dass das Gedächtnis der Masse kurz ist. Die Gewerkschaften haben keine Anstrengungen unternommen, das Hartz-Konzept anzugehen und die Intensivierung der Zeitarbeit ist eine Komponente der Hartz-Gesetze. Schon damals hätten die Gewerkschaften eingreifen müssen, aber außer gelegentlichen Verbaläußerungen haben sie nichts getan. Warum auch? Sind die Arbeitnehmer erst mal in Hartz IV abgerutscht, können sie sich eine Mitgliedschaft in den Gewerkschaften nicht mehr leisten.

Ziemlich überrascht war ich, ausgerechnet im Focus ein Interview mit dem Professor für Arbeitsrecht Schüren zu finden, der das Problem Zeitarbeit und die Rolle der Gewerkschaften dazu sehr gut analysiert.

Ich habe 2005 einen offenen Brief der Gewerkschaftlichen Arbeitslosengruppe Göttingen an den DGB-Vorsitzenden Sommer veröffentlicht, in welchem die von Sommer zum Ausdruck gebrachte Einstellung des DGB zu den Hartz-Gesetzen beklagt wird. Wenn also Sommer heute, im Jahr 2011 plötzlich politische Handlungen beklagt, deren Ursprung er schon 2004 nicht nur nicht bekämpft hat, sondern ihnen teilweise sogar zustimmte, kann ich das nur als politisches Geplänkel betrachten.

In der Süddeutschen wurden auch ein paar Zahlen veröffentlicht, die das Dilemma Zeitarbeit ein wenig aufhellen. Dort steht:

    In der gesamten Wirtschaft gelte dies dagegen für gut 70 Prozent der Vollzeitbeschäftigten. Nach der Studie erhielten Arbeitskräfte in der Verleihbranche, die in den alten Bundesländern tätig waren, 2009 durchschnittlich monatlich 1456 Euro brutto, und das einschließlich Urlaubs- und Weihnachtsgeld. In Ostdeutschland, in denen die Löhne insgesamt etwas geringer sind, betrug der Verdienst nur 1124 Euro.

    Mehr als 10 Prozent im Westen und gut 20 Prozent im Osten verdienten sogar weniger als 1000 Euro brutto im Monat, obwohl sie Vollzeit arbeiten. Viele Leiharbeiter könnten von ihrer Arbeit nicht leben. Sie zählten zu den sogenannten Aufstockern und beziehen zusätzlich Leistungen vom Staat.

Außerdem ist dort zu lesen, dass es über 900.000 Zeitarbeitsstellen gibt. Die Tendenz ist wohl eher steigend, wenn für die Zeitarbeit nicht endlich Regelungen geschaffen werden, sie wirklich nur in Anspruch zu nehmen, wenn es gilt, kurzfristige Spitzen in einem Unternehmen abzufangen und diese Spitzen dürften längstens 3 Monate dauern. Und Zeitarbeiter müssten ein höheres Einkommen als die Stammbelegschaft bekommen, plus einer Gewinnspanne für die Zeitarbeitsfirma. Nur so wäre gewährleistet, dass Unternehmen lieber feste Arbeitsplätze einrichten, als durch Zeitarbeit Lohndumping zu betreiben. Die von Schüren im Focus dargestellte Version von einer Zeitarbeit von 12 Monaten bei gleichem Gehalt wie die Stammbelegschaft teile ich nicht. Der Zeitarbeiter geht ein wesentlich höheres Risiko ein, nach seiner "Visite" in einem Unternehmen wieder arbeitslos zu werden und dieses Risiko muss finanziell zu Buche schlagen.

Die Gewerkschaften sind beispielsweise auch oft hautnah dabei, wenn Firmen Arbeitsplätze ins Ausland verlegen, weil im Aufsichtsrat großer Firmen meist auch Gewerkschafter aus den Führungsspitzen der Gewerkschaft sitzen. Was tun sie, solchen Ereignissen entgegenzuwirken? Sicher, sie organisieren mitunter eine regionale Demonstration. Aber hat man schon mal gehört oder gesehen, dass sie die Subventionierungspraktiken des Staates bei solchen Auslagerungen anprangern?

Das Stat. Bundesamt schreibt in einer Pressemitteilung (Nr.159) vom 21.04.2008:

    Qualifikation entscheidet über Verlagerung von Arbeitsplätzen

    WIESBADEN - Die Unternehmen mit 100 und mehr Beschäftigten haben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (Destatis) zwischen 2001 und 2006 im Zuge von Auslandsengagements 188 000 Arbeitsplätze in Deutschland abgebaut. Im Gegenzug wurden verlagerungsbedingt 105 000 neue Stellen am heimischen Standort geschaffen, also rund 56% der durch Verlagerung abgebauten Arbeitsplätze.

    Dabei entscheiden die für einen Arbeitsplatz erforderliche Qualifikation sowie die Branchenzugehörigkeit der Unternehmen über das Verhältnis von verlagerten zu neu geschaffenen Arbeitsplätzen. So wurden in diesen fünf Jahren in der gesamten Wirtschaft 125 000 Arbeitsplätze für gering Qualifizierte im Zuge von Auslandsengagements abgebaut, aber lediglich 37% davon als neue Stellen mit vergleichbarer Qualifikation am bisherigen Standort eingerichtet. In der Industrie wurden 95 000 Arbeitsplätze für gering Qualifizierte abgebaut und nur ein Drittel davon neu geschaffen.

    Zum Vergleich: Den 63 000 in der Gesamtwirtschaft durch Verlagerung abgebauten Arbeitsplätzen für höher Qualifizierte standen 59 000 neu geschaffene Arbeitsplätze gegenüber, dies sind 94%. Ähnlich ist diese Relation auch bei den Unternehmen im Hochtechnologiebereich der Industrie. Im Dienstleistungsbereich wurden sogar mehr Arbeitsplätze für höher Qualifizierte in Deutschland durch Verlagerung neu geschaffen als abgebaut. Insbesondere die wissensintensiven Dienstleistungsunternehmen richteten 20% mehr qualifizierte Arbeitsplätze neu ein, als sie ins Ausland verlagerten.

    Weitere Informationen zum Thema finden sich in dem STATmagazin Beitrag "Engagement deutscher Unternehmen im Ausland".

Nun wurden ja nicht nur Stellen abgebaut, sondern auch wieder neue Stellen geschaffen, wie ich dieser Nachricht entnehme. Allerdings in allen Bereichen weniger und keine Aussagen darüber, welcher Art diese "wieder neu geschaffenen Arbeitsplätze" sind und zu welchen Bedingungen sie geschaffen wurden. Vielleicht als Zeitarbeitsjobs? Sicher nicht aus Reue.

In unseren Landen gibt es sie noch häufig, die Leute, die Arbeitslosigkeit mit Arbeitsscheu verwechseln. Es sind Leute, die sich meist in gesicherten Positionen zu befinden glauben. Aber die hier angeführte Statistik beweist, dass auch eine hohe Qualifikation längst kein Jobgarant mehr ist und gerade die Osterweiterung der EU findet vornehmlich statt, um auch Hochqualifizierte ins Abseits zu stellen. Seit der Öffnung Chinas wohl mit steigender Tendenz. Zwei Tabellen des Stat. Bundesamtes sollten das verdeutlichen:

1. Verlagerungen ins Ausland in den verschiedenen Wirtschaftsbereichen nach Unternehmensfunktionen in Prozent
2. Arbeitsplatzeffekte durch Verlagerungen

Wie wenig aussagekräftig reine Prozentzahlen sind, zeigt die 2. Tabelle bei den "wissensintensiven Dienstleistungen" mit der Aussage, dass dort 20% mehr höher qualifizierte Arbeitsplätze neu geschaffen als abgebaut wurden. In nackten Zahlen:

  • Verlagert: 23.674 darunter Hochqualifizierte 7.327
  • Geschaffen: 17.966 darunter Hochqualifizierte 8.831

Daraus entnehme ich, dass auch in diesem Unternehmensbereich real 24% Stellen abgebaut wurden. Was nun Hochqualifizierte sind, darüber lässt sich das Stat. Bundesamt nicht so genau aus. Ich vermute, dass Unternehmensberater mit praktischer Erfahrung bei McKinsey, Roland Berger, KPMG oder Price Waterhouse als Hochqualifizierte gelten. Das ist für mich ähnlich wie der Gedanke, dass ein Spitzenfunktionär der Triaden auch in der Mafia als Hochqualifizierter gilt. Auch Zumwinkel war ehemals Manager bei McKinsey und beim Thema Steuerhinterziehung war er sicherlich hoch qualifiziert.

Die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland wird den Arbeitgebern allerdings auch besonders leicht gemacht, zumindest in Deutschland, vermutlich aber in der gesamten EU. In Deutschland werden die Vorbereitungen einer Verlagerung von Produktions- und Verwaltungseinheiten eines Unternehmens mit erheblichen steuerlichen Abschreibungsmöglichkeiten begünstigt. Der Steuerzahler kommt folglich nicht nur für die damit entstehende Arbeitslosigkeit auf, sondern zahlt auch noch für die Verlagerung an sich. Das in allen Einzelheiten aufzudecken, wäre aus meiner Sicht eine Aufgabe der Gewerkschaften, die aufgrund von Tätigkeiten im Aufsichtsrat oder Beirat solcher Unternehmen einen kompletten Überblick haben. Diese Praktiken öffentlich zu machen und mit harten Zahlen zu belegen, wäre sicherlich weitaus wirkungsvoller, als eine regionale Demonstration und schwungvolle, aber wirkungslose Reden. Aber die Zeiten, in denen Gewerkschaften noch wussten, was sie ihren Mitgliedern schuldig sind, sind vorbei. Verständlich, schließlich sind sie ja nicht nur Ihren Mitgliedern was schuldig, sondern vor allem den Parteien und den Konzernen, in denen sie aktiv tätig sind.