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Lebenserwartung und Altervorsorge17.04.2006
Spätestens seit Ende 2003 wissen wir, dass Deutschland vergreist, dass ein demographischer Wandel unausweichlich ist, dass zu wenig Kinder geboren werden und wir deshalb mehr Eigenverantwortung beweisen müssen, indem wir bei privaten Anbietern Versicherungen abschließen, die unseren Lebensabend schützen sollen. Am 13.04.2006 überschlugen sich die Zeitungen damit, ein neues Rechen-Modell des statistischen Bundesamtes über steigende Lebenserwartung zu veröffentlichen und mit bombastischen Überschriften zu versehen:
Lebenserwartung doppelt so hoch wie vor 135 Jahren findet man den Beitrag überhaupt nicht mehr. Dazu sollte man anmerken, dass die FR im Jahre 2003, als sie noch nicht voll im Besitz des SPD-Medienkonzerns DDVG war, einen Beitrag unter dem Titel Die modernen Kaffeesatzleser veröffentlicht hat, mit welchem die damaligen Aussagen über die Vergreisung der Gesellschaft relativiert wurden. Mir war es ein Rätsel, warum diese neue Erhebung des statistischen Bundesamtes so schnell wieder aus den Schlagzeilen verschwand. So ein Thema lässt sich doch ganz im Sinne der fast täglich erscheinenden Hinweise auf den demographischen Wandel ausschlachten. Warum diesmal nicht? Ich kann nur vermuten. Das statistische Bundesamt verschickt das neue Altersberechnungs-Modell als Pressemeldung an die einschlägigen Medien, die sich auch gleich voll Begeisterung darauf stürzen. Dann werden sie allerdings zurückgepfiffen, denn die Beiträge kommen zu früh. Die große Koalition will uns eine neue Gesundheitsreform verkaufen, die natürlich auch stark auf den demographischen Faktor abhebt. Aber noch gibt es nicht einmal ein grobes Modell dieser Reform, weil die Ansichten darüber noch ziemlich weit auseinander gehen. Erst wenn eine Einigung erzielt wurde, wird als Untermauerung das neue Rechenmodell des statistischen Bundesamtes wieder aktuell. Jedoch ist dieses Modell höchst unseriös. Zwar wird ausdrücklich betont, dass es nur Modellcharakter hat. Dennoch ist es ein typisches Beispiel für die Manipulation mit Statistiken und das möchte ich hier belegen. Aus dieser Statistik geht also einwandfrei hervor, dass die eigentliche Ursache der gesteigerten Lebenserwartung darin besteht, dass die Säuglings- und Kindersterblichkeit auf einen Wert von ca. 0,5 % gesenkt werden konnte. Betrachtet man die Kurven, sehen sie ab dem 20. Lebensjahr ziemlich gleich aus. Natürlich ist die Kurve vom Jahr 2000 höher gelagert, denn es sind wesentlich mehr Menschen, die das 60. Lebensjahr erreichen. Auch hier ist ein Schwerpunkt auf die geringeren Unfallrisiken im Straßenverkehr und im Berufsleben zu setzen. Die nachfolgenden effektiven Zahlen zeigen auf, wie hoch die Zahl derer von 100.000 Geburten es waren, die diese Altersgrenze erreicht haben und wie die Zahlen pro 10 weitere Jahre sich entwickeln.
Doch bis hier sind das nichts als Zahlenreihen. Zahlenreihen, die mit zunehmendem Alter kleiner werden, so wie die Gehaltszahlung im Laufe des Monats abnehmende Tendenz zeigt, bis das nächste Gehalt kommt. Völlig außer Betracht bleibt die Gesellschaft. Die Industrialisierung hatte einen erheblichen Wandel der Gesellschaftsstrukturen zur Folge. Die Zahl der Reichen bis Mega-Reichen ist im Verhältnis zu 1871 sehr stark gestiegen. Gleiches gilt für die Wohlhabenden. Heute gibt es neben Millionären und Milliardären eine große Gruppe Wohlhabender, bestehend aus leitenden Beamten, Politikern, Ärzten, Apothekern, Rechtsanwälten und den so genannten Führungskräften der Konzerne und Unternehmen. Was hat das mit Rente zu tun? Sie ahnen es schon. Die zunehmende Armut bedeutet auch ein früheres Ende. Die Lebenserwartung bei einem Teil der Bevölkerung wird wieder sinken. Das wäre vermutlich heute bereits erkennbar, wenn die Statistik nicht einseitig die Gesamtbevölkerung betrachten würde, sondern eine Aufsplittung nach Berufs- und Bevölkerungsgruppen vornehmen würde. Ich glaube, dass dann festgestellt werden würde, dass bei bestimmten Berufsgruppen im Alter keine oder nur eine marginale Verlängerung der Lebenszeit besteht, während der Anteil einer längeren Lebenszeit bei den Wohlhabenden und Reichen überproportional zu verzeichnen wäre. Aber natürlich kann ich das nicht beweisen. Die beiden lautstärksten Protagonisten der Apokalypse einer vergreisenden Gesellschaft, die Professoren Rürup und Raffelshüschen führen uns nun praktisch eine dritte Variante der Altersvorsorge vor. Zuerst haben sie mit ihren Analysen der Altersstruktur bewiesen, dass Deutschland vergreist. Die hierzu eingesetzte Kommission wurde nach dem Leiter als Rürup-Kommission benannt. In der Kommission waren natürlich alle die Leute, die sich um die Renten große Sorgen machen:
Kommissionsvorsitzender Vertreter des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung Drei INSM-Botschafter, Vorstands- bzw. Aufsichtsratsmitglieder von Großkonzernen wie DaimlerChrysler, AXA-Versicherungskonzern, Unternehmensberater Berger, dazu aus den Unternehmen Schering AG, BMW und Döttling & Partner, weiterhin alles Professoren aus Wirtschaftfächern, ja, so stelle ich mir eine Kommission zur Sicherung der Renten vor. Da diese Leute ja nicht mit dem einfachen Volk verkehren, können sie nur den Alterungsprozess ihrer eigenen Sippe beobachten und auf diesen Erkenntnissen mögen ja ihre Prognosen beruhen. Es muss schlimm für sie sein, auf ihr Erbe so viel länger warten zu müssen. Wenn nun diese illustre Gesellschaft ein Konzept zur Sanierung der Renten aufstellen soll, müssen natürlich erst mal Basisdaten her. Und man muss ein Ziel haben, das selbstverständlich nur heißen kann, die Renten müssen runter. Um das zu begründen, müssen Statistiken herhalten, weil das Schöne an Statistiken ist, man kann mit ihnen alles beweisen, man muss sie nur richtig zusammenstellen. Die Statistik beweist, die durchschnittliche Lebenserwartung ist gestiegen, immerhin seit 1950 um 10 Jahre. Nach der Modellrechnung des Stat. Bundesamtes soll die Lebenserwartung eines 65-Jährigen 2030 bereits 18,4 Jahre betragen, also 2,6 Jahre mehr als heute. Dann kommt die Geschichte mit der Generationengerechtigkeit. Nach den Modellrechnungen beträgt die Arbeitsfähige Bevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren zurzeit 68 %, somit käme auf 4 Arbeitnehmer 1 Rentner. Schon diese Rechnung hat ein Riesenloch, denn bei rund 10 Millionen Arbeitslosen ist die Zahl der Erwerbstätigen weitaus geringer, die für die Rentenbeiträge aufkommen. Hinzu kommt der große Anteil im Niedriglohnbereich, deren Beiträge auch nicht sonderlich zur Entlastung der Solidarkassen beitragen. Dass die Politik hier mit gespaltener Zunge spricht, fällt viel zu wenig Menschen Auf. Für den Arbeitsmarkt werden Niedriglohnjobs angepriesen wie Sauerbier. Haben Sie schon einmal einen Politiker gehört, der in diesem Zusammenhang auf die damit sich verschärfende Lage der Solidarkassen verweist? Ich vermute mal, das werden sie auch nicht, denn die gesetzlichen Solidarkassen sind ein Hindernis für die Privatisierung und werden nach und nach abgeschafft, erst die Krankenversicherung und Pflegeversicherung, danach die Arbeitslosenversicherung und dann die Rentenversicherung. Das ist auch der Grund für die ewige Debatte über die "Lohnnebenkosten". Man kann ungefähr von 16 % bei den Arbeitnehmern ausgehen, die keiner sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit wegen Arbeitslosigkeit nachgehen. Von den verbleibenden Beschäftigten arbeitet ca. ein Drittel im Niedriglohnbereich. Nach der Modellrechnung würde der Anteil der Rentner von derzeit ca. 13.5 % bis 2030 auf 27,4 % anwachsen, weil ab 2020 die geburtenstarken Jahrgänge ins Rentenalter kommen. 2040 sollen es sogar 30 % sein. dann müssten 1,9 Arbeitnehmer einen Rentner bezahlen.Diese Rechnung ist löchriger als ein Schweizer Käse. Zum einen geht man offensichtlich davon aus, dass dann alle das Durchschnittsalter erreichen, doch das ist nicht der Fall. Bereits ab dem 60. Lebensjahr fällt die Kurve steil ab. So erreichen nur etwas über 80 % überhaupt das Rentenalter. Ob das miteingerechnet wurde? Ungeachtet der Tatsache, dass die Arbeitnehmer für ihre Rente gezahlt haben, ungeachtet der Tatsache, dass prinzipiell mit dem Staat ein Vertrag bestand, mit Erreichung des 65. Lebensjahres eine Rente zu bekommen, die den Rentner im Alter ohne finanzielle Sorgen leben läst, wurde dieser Vertrag einseitig vom Staat gebrochen, nicht einmal, sondern mehrere Male. Am krassesten mit der Rentenreform aus der Agenda 2010. Zwei der Hauptverantwortlichen, die Herren Rürup und Raffelhüschen, zeigen nun, wie man privat vorsorgt. Das Rezept heißt:
Hinterher können die Herren dann getrost sagen: Private Rente lohnt sich doch, wenigstens für uns. Hintergrund: Raffelhüschen und Rürup halten Vorträge in so genanten "Seminaren" bei MLP, dem größten Anbieter für private Rentenversicherung für Akademiker und eine gehobene Kundschaft. In dem Zusammenhang sei noch einmal erwähnt, dass sich die Politik ja inzwischen auch sponsern lässt. Wie hat Schily so schön gesagt? Beim Sponsoring ist aber sicherzustellen, dass nicht der Eindruck entsteht, die Dienststellen oder ihre Beschäftigten ließen sich von den Interessen des Sponsors leiten oder behördliche Entscheidungen seien durch sachfremde Erwägungen beeinflusst. Ich interpretiere das so: Nach außen darf es nicht als Korruption wirken, wenn es aber welche ist, spielt das keine Rolle. Bei diesem Sponsoring ist in den ersten beiden Jahren ein Betrag von 55.180.532 € (ohne die Sachspenden) eingenommen worden. Mutet es nicht seltsam an, dass Ulla Schmidt, bzw. ihr Ministerium, davon 44.582.222,- €, also über 80 % erhalten hat? Sponsorentabelle Vielleicht sollte man hier die Gründe dafür suchen, warum die Gesundheitsreform so ausgefallen ist. Falls sie mein Bericht zum Sponsoring interessiert, finden Sie ihn hier An dieser Stelle noch ein kleines Gedicht, das mir ein Leser zugeschickt hat und das meiner Ansicht nach wunderbar hierher passt: ...ein lustiges Leben man ist ja gewählt wir nehmen im Spaß und wenn sich wer wehrt es lebt sich wie nie So, nun auf ins Gefecht |