Navigation aus    Navigation an
Erstelldatum: 02.02.2011

Arzt, CT und MRT

Mit Statistiken kann man alles darlegen, leider werden dabei oft Parameter unterschlagen. Der "Deutsche geht pro Jahr rund 18 Mal zum Arzt" ist eine in der Presse gerne vorgetragene Formel. Nun, betrachte ich mir die erste Grafik, die vom SPIEGEL veröffentlicht zum Thema Arztbesuche und Behandlung mit CT (Computer-Tomographie) bzw. MRT (Magnet-Resonanz-Tomographie, auch Kernspintomographie) wurde, lese ich, dass 7% der Deutschen 2009 ohne Arztkontakte waren, 16% mit mind. 1 Arztkontakt, wobei dieses "mind." mich irritiert, weil anschließend 19% mit 2 Arztkontakten angeführt werden, wobei ** darauf verweist, dass die Kontakte zu verschiedenen Ärzten bestanden. Werden also einer oder zwei Arztkontakte dediziert angegeben, was soll dann das "mind.", das doch für "mindestens" steht?

Weitere 19% weisen 3 Kontakte, auch wieder mit ** auf und dann folgen 41% mit 4 und mehr Arztkontakten.

Lese ich diese Angaben, kann ich nicht mehr nachvollziehen, dass dann der Deutsche im Durchschnitt 18-mal einen Arzt aufsucht, weil das nach dem vorliegenden Zahlenmaterial nicht mehr möglich zu sein scheint. Vielleicht hat man die Sprechstundenhilfen mitgezählt, weil die täglich zum Arzt gehen und das auch noch in die Vormittags- und Nachmittags-Sprechstunde, also zweimal täglich.

Männer sind, das wissen wir spätestens seit dem Vormarsch der Feministinnen, wehleidiger als die Frauen. Deshalb verblüfft, dass bis zum Alter von ca. 75 Jahren Frauen öfter einen Arzt aufsuchen, als die Männer. Na ja, sicher nur, weil sie das Rezept für ihren Mann abholen wollen.

In der WELT stand auch eine Aussage zu den Behandlungskosten:

    Nach Angaben des Co-Autors des Reports, Thomas Grobe, verursachen Männer im mittleren Lebensalter geringere Behandlungskosten als Frauen; ab einem Alter von etwa 70 Jahren jedoch ist die Behandlung von Männern teurer. Anhand der Grundvergütung, die niedergelassene Ärzte für ihre Patienten bekommen, haben Grobe und Schwartz ausgerechnet, dass 20- bis 24-jährige Männer im Durchschnitt knapp 180 Euro Behandlungskosten verursachen. Bei Männern zwischen 80 und 84 Jahren sind es dagegen 980 Euro pro Jahr.

Die Aussage über die Behandlungskosten ist unvollständig, denn aus ihr geht nicht hervor, welcher Durchschnitt gewertet wurde, der aller Versicherten oder der Anteil, der auch wirklich einen Arzt aufgesucht hat? Das macht bei den 8 Millionen der Versicherten der Barmer GEK immerhin 1,008 Milliarden aus (7% ohne Arztkontakte = 560.000 Versicherte mal 180 , (Graphik 1 bei SPIEGEL Online uns WELT-Angabe der Kosten)), wenn ich davon ausgehe, dass vorwiegend die Jungen auf die Arztbesuche verzichtet haben. Auch die Frage, was als Behandlung gewertet wird, bleibt offen. Für mich sind Behandlungskosten die Kosten aller Maßnahmen, die bei der Behandlung einer Krankheit anfallen. Diese Frage erscheint mir besonders wichtig, denn sehe ich mir die ausgewiesenen Beträge an und vergleiche sie mit meinen (von mir gezahlten) Beiträgen, dann ist jedes Kassendefizit eine bewusst hervorgerufene Illusion. Denn selbst die KK-Beiträge eines Rentners mit 1.000 Rente betragen noch 984 im Jahr.

Was fehlt, ist eine Aussage, welcher Arzt aufgesucht wurde. Denn es gibt ja auch noch Zahnärzte und Augenärzte. Dort ist es in den meisten Fällen mit einem Besuch nicht getan und je nach Art der Erfordernisse kommen dort (vor allem bei Zahnärzten), gerne mal 10 und mehr Besuche in einem Jahr zustande (Beispiel Zahnimplantate), die, obwohl oft vom Patienten (bei Zahnersatz jeglicher Art einschließlich Füllungen und Überkronungen über dem Kassen-Niveau) selbst zu bezahlen sind, sicherlich auch noch als Besuch über die Kasse abgerechnet werden. Vorsorgeuntersuchungen, zu denen man von jeder Kasse angehalten wird, werden nur in einer Graphik über Krebsvorsorge dargestellt. Dabei gibt es speziell bei Kassenzahlungen für Zahnarztbesuche nur einen Bonus, wenn man regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen nachweisen kann. Also wäre es doch wirklich mal interessant, würden Vorsorgeuntersuchungen und deren Kosten getrennt ausgewiesen, weil Kasse und Arzt dazu ausdrücklich aufrufen. Auch die Arztkontakte sollten dediziert nach Fachspezifika auseinander dividiert werden. Eine weitere Frage stellt sich mir. Werden die Arztbesuche von mitversicherten Ehefrauen und Kindern als Besuch des Versicherten ausgewiesen, was sicherlich die Zahl der Arztbesuche relativieren würde.

Und jede Kasse sollte verpflichtet werden, jedem Patienten einmal pro Quartal die Forderungen der Ärzte für seine Besuche und Untersuchungen einschließlich der Kosten für die medikamentöse und medizintechnische Versorgung zusenden. Angesichts der zu erwartenden Zusatzbeiträge dank Herrn Rösler steht zu erwarten, dass sich Patienten dann auch genau ansehen, welche Kosten Ärzte geltend machen. Die dafür entstehenden Kosten wären minimal (ein Computer-Ausdruck und Porto) und würden sich durch filtern schwarzer Schafe sicherlich amortisieren.

Diese Forderung habe ich bereits 2005 an Ulla Schmidt gestellt, wurde aber nicht einmal einer Antwort gewürdigt.

Es gibt sie heute, die medizinischen Geräte wie CT und MRT und es ist lächerlich, daraus nun eine Überversorgung abzuleiten. Nicht der Patient bestimmt, welche Untersuchung mit technischen Mitteln erfolgen soll, weil er das in den meisten Fällen gar nicht ermessen kann. Es sind die Ärzte, die diese Untersuchungen veranlassen. Die entsprechenden Geräte sind teuer und würden sie seltener frequentiert, wären die Untersuchungen damit noch teurer, denn ob Klinik oder entsprechend ausgerüstete Praxen, sie aller legen nicht nur Wert darauf, die verauslagten Kosten wieder hereinzubekommen, sondern auch noch einen Gewinn damit zu erzielen. Und daraus können sich auch Interessengemeinschaften herausbilden, zwischen dem Arzt, der überweist und dem Arzt oder der Klinik, die diese Geräte vorhält.

Und wenn eine der SPON-Graphiken ausweist, wie wichtig Patienten die Untersuchung mit der CT oder MRT einschätzen, ist das geradezu lächerlich. Wenn der Arzt den Unbedarften zu einer entsprechenden Untersuchung schickt und anschließend eine Diagnose stellt und sich dabei auf die Ergebnisse eben dieser Untersuchung stützt, findet der Patient diese Untersuchung natürlich sehr wichtig, weil sein Urteil ausschließlich aus der Aussage des Arztes resultiert.

Fazit: Wieder einmal wird den Deutschen in der Presse klargemacht, dass er über Gebühr und häufiger als jede andere Nation den Arzt aufsucht und teure bis sehr teure Untersuchungen in Anspruch nimmt. Was immer fehlt, sind Aussagen über die Dauer der Untersuchungen und die hängen vor allem mit der Kostenerstattung zusammen. Wenn für eine Untersuchung eine Pauschale bezahlt wird, darf es niemanden verwundern, wenn diese im Verhältnis zu anderen Ländern sehr kurz ausfällt und ein Termin für weitere Untersuchungen anberaumt wird. Dass sich daran nichts ändert, dafür sorgen schon die Ärzte- und die Pharma-Lobby, denn sie vertreten Geschäftsinteressen und nicht Patienten-Interessen. Und in die Lobby-Phalanx muss man die Industrie zur Herstellung medizinisch-technischer Geräte ebenso einbinden, wie die Betreiber privatisierter Kliniken. Aber auch die noch vom Staat betriebenen Kliniken haben hier ihre Interessen, weil sie, abgesehen vielleicht vom Chefarzt, nicht privatisiert werden wollen. Gleiches gilt aus meiner Sicht für die Kassen. Und allen ist ein Interesse gemeinsam: Die Schuldzuweisung an den Konsumenten (hier Patient), der sich schuldig fühlen soll, damit man ihn ausnehmen kann, ohne dass er bemerkt, wie er zum reinen Spielball eines Mixes aus unterschiedlichen und gemeinsamen Interessen wird. Die Presse und die Politk hilft da fleißig mit, denn so funktioniert nun mal der Kapitalismus. Eine Minderheit beutet die Mehrheit aus und damit das gelingt, muss die Mehrheit glauben, selbst Schuld zu haben. Ich vergleiche das mit dem Tischfußball und stelle mir vor, die Figuren an den Stangen könnten denken und würden sich schuldig fühlen, wenn ein Tor gefallen ist, weil sie nicht wissen, dass vor dem Kasten die Leute stehen, die die Griffe drehen.