Navigation aus    Navigation an
Erstelldatum: 11.03.2013

Armutsbericht geschönt?

Derzeit ist das Thema Armutsbericht ja das, über das die Presse in epischer Breite berichtet. Ich habe darüber lediglich einen Bericht in der FAZ gelesen, denn dass der Armutsbericht "geschönt" (geschönt ist ein Euphemismus für gefälscht) ist, ist für mich ohnehin klar. Wie will man der Masse die Mär vom Aufschwung erzählen, wenn man die Wahrheit sagt, die traurige Wahrheit, dass die Armut in einem der reichsten Länder der Welt beständig zunimmt? Und das wir Deutschen alle im Wohlstand leben, müsste aus politischer Sicht doch jedermann klar sein. Politiker, Juristen und Wissenschaftler haben schlichtweg keine Ahnung von Armut. Für sie genügt es, einen Vergleich mit den ärmsten Ländern der Welt anzuführen, der beweist, dass es uns allen noch viel zu gut geht. Allerdings wird bei diesen Vergleichen gerne vergessen, dass nicht nur die Einkommen höher sind, als z. B. in armen Ländern, sondern auch die Preise. Und ich sehe die Aufgabe der Politik nicht darin, das Land auf den Level der armen Länder zu bringen, sondern arme Länder auf einen besseren Level zu bringen und dazu müssen zunächst einmal im eigenen Land die Bedingungen stimmen. Doch davon entfernen wir uns immer weiter.

Wie üblich, müssen für den Nachweis, dass es uns allen gut geht, Statistiken herhalten. Statistiken haben aber mit der Bibel eines gemeinsam: Man muss ihnen glauben, egal, wie widersinnig sie sind.. Ein Bericht in der FAZ war betitelt: Was stimmt im Armutsbericht?, wir prüfen die Fakten.

Nun bin ich natürlich nicht sonderlich verwundert, dass die FAZ im Wahljahr Wahlwerbung für die schwarz-gelbe Bundesregierung betreibt, schließlich ist die FAZ ein Wirtschaftsblatt und kein Sprachrohr von Arbeitslosen und Rentnern, Arbeitern und Angestellten. Im ersten Abschnitt lese ich dann, dass der Armutsbericht behauptet, die Lohnspreizung habe abgenommen und der Redakteur der FAZ hat das bestätigt. Er klärt mich auch auf, woher er dieses Wissen hat. Es ist ein neues sozioökonomisches Panel herausgekommen, das eben diese Aussage beweist. Da ich keine Ahnung vom sozioökonomischen Panel habe, bin ich erleichtert, dass er mich auch aufklärt, wie es zustande kommt. Da befragt ein Institut ca. 20.000 Menschen und ermittelt daraus dieses Panel. Ich frage mich allerdings, wen man da alles befragt. Wäre ich unter den Befragten, könnte ich keine Antwort geben, weil ich keine Ahnung habe, wie die Spreizung aussieht, weil ich nicht einmal das Einkommen meines Nachbarn kenne, geschweige denn, das der gesamten Bevölkerung. Aber wäre das nicht die Voraussetzung für eine korrekte Antwort? Ich wende bei solchen Fragen lieber die Logik an und die sagt mir, dass bei den üblichen Lohnabschlüssen durch die Gewerkschaften fast immer prozentuale Erhöhungen erfolgen und ganz selten mal feste Sockelbeträge vereinbart werden. Und nach meiner primitiven Logik sind 3% bei 10.000 Jahreseinkommen weniger, als 3% bei einem Jahreseinkommen von 30.000 . Und weil das so ist, nimmt die Lohnspreizung von Jahr zu Jahr zu und nicht ab. Na ja, das ist meine verquere Logik. Inzwischen weiß ich aber auch, dass es ja noch eine zweite Form der Mathematik geben muss, die allerdings ausschließlich Politikern und Ökonomen und evtl. auch noch Juristen vorbehalten ist und ich vermute sehr stark, dass beim sozioökonomischen Panel diese andere Mathematik angewendet wurde.

Ich lese dann im gleichen Abschnitt, dass einer der Gründe der Umstand sei, dass mehr Menschen wieder Arbeit gefunden haben. Das macht mich nachdenklich, denn vielleicht habe ich das ja alles falsch verstanden. Es findet ja wirklich eine Annäherung der Löhne statt, denn die Löhne für Zeitarbeit, für Mini-Jobs, für Ein Euro Jobs, dazu die Dauerpraktika und der Lohnverzicht von Arbeitnehmern wie z. B. bei Opel, damit sie wenigstens ihren Job behalten, trägt ja auch zur Verminderung der Lohnspreizung bei.

Andererseits, die Gehälter der Beamten steigen, die Boni an Vorstände werden größer, die Politiker machen auch keine Anstalten, der Lohnspreizung entgegenzuwirken und langen kräftig zu, sowohl bei der Aufwandsentschädigung (2013 = 292,- mehr) als auch bei der steuerfreien Kostenpauschale (2013 = 94,- mehr).

Wie auch immer, weil ich das mit der Lohnspreizung nicht so recht begreife, sinniere ich lieber darüber nach, wie groß die Spreizung zwischen einem Soziopathen und einem Sozioökonomen wohl sein mag.

Nun führt der Herr Bernau, so heißt der Redakteur, das Thema Niedriglöhne an und schreibt, dass früher dort gestanden habe, mehr als 4 Millionen Menschen arbeiteten für Löhne unter 7,- , dieser Satz fehle nun und 7,- sei ja immerhin ein Bruttoeinkommen von ca. 1.200,- . Rechnen kann er ja, aber was seine Rechnung soll, verstehe ich wieder nicht, denn früher stand ja dort nicht, dass 4 Millionen Menschen für Stundenlöhne von 7,- arbeiten, sondern für Stundenlöhne UNTER 7,- und das schließt Stundenvergütungen von 1,- (Ein Euro Jobs) bis 6,- und allem, was dazwischen ist, mit ein. Also, Herr Bernau, das war ein extrem billiger Trick, um die Leser aufs Glatteis zu führen.

Beim nächsten Abschnitt bleibt mir doch tatsächlich der Mund offen stehen, denn so viel dümmliche Argumentation in so wenigen Worten unterzubringen, ist schon fast wieder genial. Ich kann nicht anders, aber so steht es wortwörtlich in der FAZ:

    Die Fakten: Betrachtet man die Statistik oberflächlich, scheint es so, als würde der Satz stimmen. Die ärmsten zehn Prozent der Beschäftigten haben 2011 deutlich weniger verdient als 2007. Nur die reichsten 20 Prozent haben höhere Löhne. Doch die Statistik hat eine Tücke: Hier werden nicht die selben Menschen betrachtet, nicht mal die selben Arbeitsplätze. Zwischen 2007 und 2011 haben viele Menschen neue Stellen gefunden, dabei geht es vor allem um Stellen mit niedrigen Gehältern. Sie bevölkern jetzt das untere Zehntel der Beschäftigten - und haben einen niedrigeren Lohn als diejenigen, die 2007 das untere Zehntel waren. Dabei verdienen sie selbst deutlich mehr als 2007. So erläutert die Regierung das auch in der Neufassung ihres Berichts.

Ich glaube ihm natürlich, dass das so im Armutsbericht steht, aber von einem Redakteur erwarte ich Kritik an einer solch an den Haaren herbeigezogenen Argumentation und ein Wirtschaftsredakteur der FAZ müsste eigentlich auch wissen, dass die Reallöhne seit Ende der 90er Jahre inflationsbereinigt nicht mehr gewachsen, sondern im Gegenteil gesunken sind und woher wollen die den Armutsbericht verfassenden Politiker und der Herr Bernau eigentlich wissen, dass die "neuen Arbeitsplätze" dazu führen, dass die Betroffenen nun mehr bekommen, als früher? Schließlich steigt von Jahr zu Jahr die Zahl der so genannten Aufstocker, die zwar Vollzeit arbeiten, aber noch zusätzlich Hilfe in Form von Hartz IV bekommen, dass sie vermutlich auch vorher bereits bekamen, weil sie arbeitslos waren. Herrn Bernau empfehle ich mal die monatlich erscheinenden EXCEL-Tabellen der Arbeitsagentur, denn wenn man die mal mehr als flüchtig analysiert, erhält man ganz neue Perspektiven, die mit den Jubelberichten der Ministerin von der Leyen nichts gemeinsam haben.

Danach hat Herr Bernau eine Meinung zur Verteilung von Vermögen. Ich fand es wirklich lustig, dass dabei am rechten Rand Grafiken eingeblendet waren, mit denen vor allem der Unsinn von manchen Statistiken erst so richtig klar wird. Rechts oben ein Balkendiagramm über die Vermögensverteilung. Schaue ich mir das Schaubild an, empfinde ich die Aussage von Bernau als absolute Frechheit, denn es besagt nicht nur, dass das oberste Zehntel mehr als 50% der Vermögen besitzt, wie Bernau meint, sondern mehr als 60%, nämlich genau 61,1%. Addiere ich die Vermögen der obersten 5 Zehntel komme ich auf 9,278 Billionen. Nicht nur das, diese obersten 5 Zehntel besitzen 100% der Vermögen. Die 11,1%, die Bernau mit seinen "mehr als 50%" unterschlagen hat, machen daher immerhin gut eine Billion aus. Die Vermögen, die im 4. und 5. Zehntel noch ausgewiesen werden, entsprechen genau den Schulden des 1. Zehntels, nämlich 151 Milliarden.

Betrachtet man dann das darunter stehende Balkendiagramm, das die durchschnittliche Verteilung anzeigen soll, wird die Manipulationsmöglichkeit durch Statistiken deutlich. Nach diesem Diagramm beträgt das Durchschnittsvermögen der Selbständigen 257.000,- . Dazu habe ich mal die Zahlen, die das manager magazin 2008 über die Vermögen der 300 reichsten Deutschen veröffentlicht hat, addiert und bin auf 425,5 Milliarden gekommen (in den 5 Jahren seither dürfte noch einiges dazu gekommen sein, falls es nicht in der Schweiz, in Liechtenstein oder auf den Kaimaninseln gelandet ist). Teile ich diese Summe durch 81 Millionen (die Bevölkerung als grobe Zahl), besäße jeder Deutsche, würde das Geld der 300 reichsten Deutschen gleichmäßig auf alle verteilt, bereits ein Vermögen von 5.246,91 besitzen. Dieses Beispiel soll verdeutlichen, wie unsinnig es ist, die Vermögen als Durchschnitt auf einzelne Gruppen anzugeben. Es gibt kein Durchschnittsvermögen. Vermögen sind wie Fingerabdrücke, jedes ist individuell. Allerdings geht aus dieser Durchschnittsbetrachtung auch hervor, dass Pensionäre und Beamte bei weitem besser gestellt sind, als Arbeiter, Angestellte und Rentner. Und ja, Teil dieser dort durchschnittlich bewerteten Vermögen sind auch Haus- und Grundbesitz und ich gehe davon aus, dass prozentual mehr Beamte ein Haus haben, als Arbeiter und Angestellte, weil Beamte günstigere Kreditkonditionen von ihrem Arbeitgeber und von den Banken erhalten haben, als Arbeiter und Angestellte (ausgenommen vielleicht die Angestellten des öffentlichen Dienstes).

Insgesamt gesehen ist vor allem das zweite Balkendiagramm so aussagekräftig wie der Satz "der Ball ist rund". Aber für einen Armutsbericht sind Statistiken unentbehrlich, denn mit nichts kann man Fakten mehr entstellen, als mit einer Statistik. Und die Aussage des Wirtschaftsredakteurs Bernau hat in etwa den gleichen Stellenwert.

Im letzten Abschnitt kommt natürlich unweigerlich die Aussage, dass ja die Vermögenden auch das höchste Aufkommen der Einkommensteuer tragen. Das ist natürlich teilweise richtig, wenn man das in absoluten Zahlen betrachtet. Diese Betrachtung wird zumeist vermieden, nur hierbei nicht. Aber prozentual gesehen tragen die Vermögenden weniger zur Einkommensteuer bei, als die normalen Arbeiter und Angestellten, weil sie von ihren Vermögenserträgen nur 25% plus Solidaritätsbeitrag zahlen, aber steuerlich ganz andere Abschreibungsmöglichkeiten haben, als die abhängig Beschäftigten. Dass sie nicht zu viel Steuern zahlen, dafür sorgen schon die Steuerberater und die vielen Schlupflöcher in den Steuergesetzen. Und wenn man die Leistungen betrachtet, welche die Vermögenden für ihre Einnahmen erbringen, dann schneiden sie fast alle bedeutend schlechter ab, als die abhängig Beschäftigten. Beispiel Konzernvorstände. Sie kassieren Jahresgehälter, die Normalverdiener in ihrer gesamten Lebensarbeitszeit nicht erreichen. Bedenkt man dabei, dass so mancher Vorstand Milliarden des von ihm geleiteten Unternehmens in den Sand gesetzt, dann stehen die Einkommen nicht im mindesten im Verhältnis zu ihren Leistungen. Hinzu kommt, dass die Einkommensteuer heute ohnehin nicht mehr der Spitzenreiter bei den Steuern ist, denn das ist heute mit Abstand die Umsatzsteuer und die tragen immer die Endverbraucher, also wir alle. Und da ist der Abstand zwischen den Vermögenden und den Normalverdienern ausgesprochen gering. Und bei den abhängig Beschäftigten mit hohen Einkommen verringert jede prozentuale Erhöhung die relativ zu zahlende Einkommensteuer, weil, um beim Beispiel des Jahreseinkommens von 10.000 zu 30.000 zu bleiben, von 900 Euro Erhöhung (bei einem Jahreseinkommen von 30.000 ) netto mehr übrig bleibt, als von 300 Euro (bei einem Jahreseinkommen von 10.000 und einer Erhöhung von 3% für beide Einkommen).

Und ich habe auch da eine relativ primitive Logik. Danach sind die wirklichen Leistungsträger die Menschen, die die Maschinen bedienen oder die handwerklichen Leistungen erbringen und diejenigen, die in den Verwaltungen dafür sorgen, dass das auch funktioniert und damit das ganze produktive System am Laufen halten. Wetten abschließen, dass Preise in der Zukunft fallen oder steigen, computergestützte An- und Verkäufe von Aktien (Hochfrequenzhandel) und eine Vielzahl weiterer Aktivitäten der Börsen sind Machenschaften mafiöser Strukturen und mögen zwar schnell mehr oder minder hohe Gewinne bringen, aber mit Leistung haben sie nichts zu tun.