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Erstelldatum: 23.12.2012

Geburtenrückgang

Das lese ich in der FAZ Warum ist das mit den Kindern so kompliziert? und staune.

Analyse ist schwer, das erkenne ich aus dem Artikel der FAZ und den Kommentaren. Vielleicht hilft es, die grundsätzliche Frage zu stellen: "Was war früher anders?" Ich kann es nicht statistisch ausführen und natürlich ist diese Sicht auch subjektiv, aber viele Kinder waren "Unfälle" als Folge eines kurzen Rausches. Es gab keine Pille und ein Präservativ war nicht nur teuer, sondern der Kauf wurde auch mit strafenden Blicken begleitet und meist sofort breitgetreten. Und Geschlechtsverkehr von unverheirateten Frauen war grundsätzlich Pfui, auch bei denen, die ihn zuvor selbst betrieben hatten.

Die Hausfrau und Mutter war gesellschaftlich geachtet und die Produkte der "Unfälle" wurden nicht weniger geliebt, als die Plankinder.

Und die Kinder? Auch in den Ballungsräumen hatten sie sehr viel Freiraum, konnten spielen und toben, musste dabei allerdings kreativ sein, denn Spielzeug gab es nicht in den heutigen Massen, wurde aber auch nicht wirklich vermisst.

Zuerst kam der Feminismus (darauf möchte ich gar nicht weiter eingehen), der die Kerle verteufelte. Dann die technische Revolution. Im Gegensatz zu früher waren Frauen nun auch im Arbeitsleben gefragt.

Die zuvor fast immer körperlich schweren Arbeiten wurden nun von immer mehr und immer moderneren Maschinen erledigt, die auch von Frauen bedient werden konnten. Firmen wuchsen und mit ihnen die Verwaltungen, die vor allem weiblichen Arbeitskräften mehr und mehr Möglichkeiten boten, berufstätig zu werden. Die Einstellung von Eltern änderte sich. Wurden früher die Jungen in weiterführende Schulen geschickt, weil sich das bei Mädchen nicht lohnte, die ja ohnehin heiraten würden, war diese Grundeinstellung der Vergangenheit nun nicht mehr schlüssig. Außerdem wuchsen die Ansprüche. Drei oder vier Personen in einer Zweizimmerwohnung war nicht mehr möglich und ohne Bad ging schon gar nicht. Dann kam das Auto hinzu und wurde zum Statussymbol.

Eine Kleinigkeit ging in dieser Aufbruchsstimmung unter. Der Bewegungsraum für die Kinder wurde in den Ballungsgebieten mehr und mehr eingeschränkt und großzügig angelegte Parks dienten der Verschönerung der Städte und damit der Selbstbeweihräucherung der Bürgermeister. Für Kinder waren die Rasenflächen tabu. Kinder wurden immer unbequemer, weil man nicht wusste, wohin damit. Früher war das einfach. Gingen sie einem mal auf die Nerven und das passiert in jeder Familie, dann löste man das Problem mit dem Satz: "Geh raus, spielen". Früher war für Kinder die schlimmste Strafe der Hausarrest, aber der wurde, ohne dass man ihn aussprach, zum Standard, denn der zunehmende Verkehr hinderte die Eltern an dem Satz: "Geh raus, spielen". Und was Kindern an Spielplätzen geboten wurde, war kein Witz, sondern eine Unverschämtheit.

Dann kam die Pille. Nun war Schluss, oder zumindest fast Schluss mit dem Nachwuchs als unerwünschte Folge eines kurzen Rausches. Dazu war der Feminismus erheblich ausgeweitet worden. Immer mehr Frauen begriffen, dass sie von den Kerlen ausgebeutet wurden, die ja nur von dem gesteuert wurden, was Freud bei den Frauen als Basis des Neides ansah. Das geflügelte Wort; "Männer wollen sowieso immer nur das Eine" wurde fester Bestandteil im Wortschatz der Frauen. Dass möglicherweise Frauen das auch wollten und wollen, wurde nie ernsthaft diskutiert. Auch wie eigentlich jeder weiß, dass Männer ihre Frauen betrügen, indem sie mit anderen Frauen ins Bett gehen. Frauen würden nie mit anderen Männern schlafen, ausgenommen natürlich, sie brauchen das zur Selbstfindung und Selbstverwirklichung, nicht wahr?

Dann kam die Wende, nicht die der Wiedervereinigung, sondern die, in der die Technik den Menschen überholte, weil der eigentliche Sinn der technischen Entwicklung, dem Menschen das Leben zu erleichtern, auf dem Altar des Gottes Mammon verloren ging und als heiliges Ziel dieses Gottes der Terminus "Profitmaximierung" in Theorie und Praxis gelehrt und umgesetzt wurde. Konnte noch vor relativ kurzer Zeit ein Mann seine Familie ernähren, nicht immer so, dass es auch für Luxus gereicht hätte, war das nun in den meisten Familien nicht mehr möglich, also mussten beide Elternteile arbeiten.

So zumindest die allgemeine Einstellung und es waren vor allem Frauen, welche mitverantwortlich waren, dass eine Hausfrau und Mutter gesellschaftlich an Respekt verlor, obwohl Kinder eigentlich heute weit mehr Bedarf daran hätten, die Mutter als Bezugsperson den ganzen Tag zuhause zu wissen. Noch vor 70 Jahren haben Kinder, deren Mütter arbeiten gingen (das waren damals vor allem Kriegswitwen), den Schulranzen in der Wohnung abgelegt und sind auf die Straße gegangen, um mit den Freunden oder Freundinnen zu spielen. 10 Jahre später ging das zwar immer noch einigermaßen, aber der Verkehr hatte gewaltig zugenommen. Weitere 10 Jahres später begann die Zeit, in der die Straße als Spielplatz für Kinder bereits zur tödlichen Bedrohung geworden war. Noch etwas wandelte sich in dieser Zeit, Waren in den 40er und 50er Jahren Schulwege von mehreren Kilometern absolut normal, die zu Fuß zurückgelegt werden mussten, änderte sich das mit dem zunehmenden Verkehr. Zusammen mit den fehlenden Möglichkeiten, den Spieltrieb auszuleben, wurde damit auch der Bewegungstrieb der Kinder abgewürgt. Für Kinder waren folglich etliche Errungenschaften der Technik, die allgemein als segensreich angesehen werden, eher eine Katastrophe.

Kommen wir zur in der FAZ geäußerten Betrachtungsweise. Wie schon erwähnt, hat die Technik den Menschen überholt. Viele Arbeiten, für die man zuvor viele Arbeiter benötigte, werden heute von einer einzigen Maschine wesentlich schneller und wegen den verminderten Personalkosten auch günstiger ausgeführt. Menschen deren einziges Gut zum Erwerb des Lebensnotwendigen die Arbeitskraft ist, wurden ausgegrenzt. Nicht nur das, sie werden auch gegeneinander ausgespielt. Wenn heute von Demographie die Rede ist und der Slogan, dass, weil zu wenig Kinder geboren werden, es zu wenig Arbeitende, um die Rente zu zahlen, ist das der Unsinn pur. Mehr Kinder heute würde ökonomisch gesehen bedeuten, dass die Zahl der Arbeitslosen drastisch wächst, weil es dafür keine Arbeitsplätze gibt. Arbeitsplätze gibt es ja nicht einmal heute für die nachwachsende Generation in ausreichender Menge und das trotz der geringen Geburtenrate. Das Jammern der Unternehmensverbände, es gäbe zu wenig Fachkräfte und die Jugend sei zu schlecht ausgebildet, gehört zum seit langer Zeit geführten Spiel des divide et impera (teile und herrsche). Der Aufbau Deutschlands wurde von einer Kriegs- und Nachkriegsgeneration, deren Ausbildungsstand eher geringer als der der heutigen Jugend war, doch ausgesprochen gut bewerkstelligt. Ungelernte wurden als so genannte Hilfsarbeiter massenhaft beschäftigt, indem sie angelernt wurden und ein großer Anteil dieser Ungelernten erwarb ganz ohne Lehre auf diese Art ein Fachwissen, das sie zu gesuchten Arbeitskräften machte. Sie haben einen erheblichen Anteil am so genannten Wirtschaftswunder. Schulzeugnisse waren noch nie wirklich ein Beweis für die Lebenstüchtigkeit des Einzelnen. Aber Ausgrenzung ist ein Weg, der oft dazu führt, dass sich Ausgegrenzte andere Wege suchen, sich zu behaupten, was ein Ansteigen der Kriminalität mit sich bringt.

Noch etwas ist wohl den Wenigsten bewusst. Die romantische Verklärung der "großen Liebe" haben wir vor allem den Romanen und Filmen zu verdanken, aber eine Ehe ist in erster Linie eine Zweckgemeinschaft und die Liebe, die auf der Basis jugendlicher Schwärmerei entsteht, weit weniger haltbar, als die in einer Ehe gewachsene Liebe, die meist durch die Geburt von Kindern erst richtig aufkeimt und allmählich gefestigt wird. Im Mittelalter war die Ehe nur denjenigen erlaubt, bei denen der Mann nachweisen konnte, dass er eine Familie auch ernähren konnte. Und damit war mehr als die Hälfte der Bevölkerung von vorneherein davon ausgeschlossen. Ob sie heiraten durften, wurde vor allem von der Kirche und dem Adel und in Städten von den Stadtoberen bestimmt. Der Ausschluss von der Ehe war auch die Verweigerung des Rechts, Kinder zu bekommen. Wohl deshalb hatten die so genannten Engelmacherinnen Hochkonjunktur. Engelmacherin deshalb, weil der Schwangerschaftsabbruch oft tödlich verlief. Eine Zweckgemeinschaft deshalb, weil der Mann für die Ernährung und die Frau für das wirtschaften des Haushalts, das Gebären und die Aufzucht der Kinder zuständig war.

Die Ehen des Adels und der so genannten Honoratioren wurden grundsätzlich arrangiert, eine Angewohnheit, die auch heute noch in der so genannten besseren Gesellschaft, aber auch in einigen Ländern wie z. B. der Türkei praktiziert wird. Seltsam dabei ist, dass die von Eltern arrangierten Ehen oft mehr Bestand als die Liebes-Ehen hatten und haben. Letztere gehen eher in die Brüche, wenn die Wirklichkeit die Paare eingeholt hat.

Wenn heute Paare zögern, Kinder in die Welt zu setzen, dann wundert mich eher die Verwunderung darüber, als der Umstand selbst. Es ist ein Naturtrieb, dem Nachwuchs auch die Chance zu geben, zu überleben. Doch diese Chance können heute doch nur noch begüterte Paare wirklich geben und weil man heute den Kinderwunsch steuern kann, steht bei vielen Paaren zunächst die ökonomische Sicherheit im Vordergrund. Niemand, der nicht über die erforderlichen Verbindungen verfügt, kann heute garantieren, dass es dem Nachwuchs gut geht. Und die ökonomischen Anforderungen gehen heute sehr viel weiter, als das noch vor 50 Jahren der Fall war. Eine möglichst große und schöne Wohnung, mindestens ein Auto (besser zwei), ein jährlicher Urlaub, oft bis in die entferntesten Regionen der Welt müssen zuvorderst gewährleistet sein. Hat man dann Kinder, spielt deren Outfit von klein an eine entscheidende Rolle im Haushaltsbudget und wer Kinder hat, weiß, wie schnell dieses Outfit obsolet wird, weil die Kinder schnell raus wachsen oder weil es unmodern wird. Hinzu kommen Anforderungen aus der Schule, wie z. B. Klassenfahrten. Das sind Anforderungen, die den Großeltern fremd waren. Den Urlaub verbrachten die meisten zuhause, die Wohnung war meist klein und ohne Nasszellen und ohne Zentralheizung und ohne all den technischen Schnick Schnack, der heute unentbehrlich zu sein scheint. Damals war es die Zinkbadewanne der Ersatz der Nasszelle und weil fließendes Warmwasser fehlte, musste das Badewasser auf dem Herd in einem großen Kessel heiß gemacht werden. Badetag war meist einmal in der Woche, die anderen Tage stand man am Porzellanbecken und wusch sich mehr oder weniger gründlich. Fernsehen und Auto hatten die Großeltern auch (noch) nicht und Kindergeld vom Staat gab es ebenfalls nicht. Seltsam, dennoch haben sie ihre Kinder großgezogen und diese Kinder damals bekamen meist auch mehr elterliche Zuwendung, als heute üblich. Nun ja, sie wurden ja auch nicht von RTL, Pro7 oder SAT1, ja nicht einmal von ARD und ZDF davon abgehalten, sich um die Kinder zu kümmern, mit ihnen Spiele zu spielen, sie bei Bedarf zu trösten und was sonst noch so alles eigentlich Bestandteil einer Familie sein sollte. Dass nicht selten diese Form des Lebens auch die Eltern zusammen schweißte, ist ein weiteres Phänomen, dass der modernen Gesellschaft inzwischen aber weitgehend aberzogen wurde.

Was sind denn nun wirklich die Folgen der niedrigen Geburtenrate? Ich sehe darin einen Vorteil. Deutschland ist einer der dicht besiedelten Staaten. Weniger Kinder bedeutet auf Zeit gesehen eine Auflockerung mit zusätzlich nutzbarem Lebensraum. Allenthalben wird das Wachsen der Weltbevölkerung beklagt, aber bei uns wird ein leichtes Schrumpfen der Bevölkerung als Katastrophe bezeichnet? Wir nehmen eine Vorreiterrolle ein und das wird in 100 Jahren vielleicht sogar gewürdigt werden. Politik und Unternehmen wissen das, aber auch hier gilt: Divide et impera. Man muss dafür Katastrophenszenarien an die Wand malen, wie sollte man ansonsten die Eingriffe in die Sozialsysteme rechtfertigen? Wie sollte man ansonsten anführen können, dass kinderlose Paare die Familien mit Kindern ausbeuten? Dabei weiß heute eigentlich niemand, ob die Kinder dieser Familien jemals in das gesetzliche Rentensystem einzahlen werden und es gibt etliche Gründe, das zu bezweifeln. Diese Kinder könnten direkt in die Arbeitslosigkeit abrutschen, sie könnten studieren und in Berufe wechseln, die keine GRV-Beiträge zahlen, sei es nun, dass sie Beamte, Anwalt, Arzt, Architekt oder in sonstige mit eigenen Rentensystemen ausgestattete ständische Berufsgruppen wechseln. Manche wandern vielleicht auch aus. Schizophren an diesen Vorwürfen ist vor allem, dass die Kinderlosen meist höhere Steuern zahlen und damit einen nicht unerheblichen Beitrag dazu leisten, die staatlichen Programme für den Nachwuchs der Familien zu finanzieren. Und sollten die Kinder der klagenden Familien wirklich mal einen Beruf ergreifen, der beitragspflichtig für die GRV ist, dann werden ihre Beiträge zwar verwendet, um die Renten der aktuellen Rentner zu zahlen, aber welche Bedeutung hat das schon? Sie zahlen für eine Anwartschaft auf ihre spätere Rente und diese Rente ist einzig und alleine davon abhängig, wie hoch ihre Beitragszahlungen sind. Und hat eine Familie drei Kinder, dann sind das auch drei spätere Rentner, es könnten aber ebenso gut 3 Beamte daraus werden und damit die Kinderlosen doppelt belasten. Und die Beitragszahlungen der GRV direkt wieder als Renten auszugeben, ist allemal besser, als das Geld in private Rentenversicherungen zu investieren, die damit u. U. Rüstungsfirmen finanzieren oder vielleicht auch pleitegehen. Allerdings, jede heute seitens der Politik und seitens unwissender Bürger als erforderliche Maßnahme der "Generationengerechtigkeit" untermauerte Rentenkürzung ist das Gegenteil von Generationengerechtigkeit, denn jede heutige Rentenkürzung wirkt sich auf die Renten der späteren Generationen in vollem Umfang aus.

Insgesamt gesehen komme ich zu dem Ergebnis, dass dieses ganze Geschwafel nur einen wirklichen Zweck hat und das will ich mal deutlich ausdrücken, uns alle nach Strich und Faden zu verarschen. Aber eine Mehrheit von uns scheint das zu brauchen.