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Erstelldatum: 02.09.2012

Das TINA-Syndrom

Im Schreiben, das Egon W. Kreutzer über seinen Verteiler mit einem Link auf ein Feature von WDR 5 verschickt hat, schrieb er: Selten so viel Wahrheit gehört". Dieser Meinung schließe ich mich voll und ganz an und wie er empfehle ich, sich diese Hörfunksendung des WDR 5 aufmerksam anzuhören, denn das ist eine in den Medien so selten gewordene Wahrheit über den Neoliberalismus und das TINA-Syndrom (TINA = There Is No Alternative) , das seit Margret Thatcher weltweit zum politischen Schlagwort geworden ist und auch fast jeden Gesetzentwurf unserer Politiker kürt, in dem als Schlusswort immer " Alternativen: Keine" zu finden ist. Aber das einzige im Leben, für das es keine Alternative gibt, ist aus meiner Sicht das Leben selbst, bzw. dessen unausweichliches Ende, nämlich der Tod.

Mit diesem Bericht ist mir auch klar geworden, warum die INSM (Initiative Neue Soziale Martwirtschaft) das Wörtchen Soziale in ihrem Logo führt. Was die Neoliberalen unter diesem Begriff führen, wird auch in diesem Hörbeitrag deutlich gemacht.

Zunächst hat mich allerdings verwundert, dass Roman Herzog als einer der Initiatoren dieses Beitrags geführt wird und ich habe mich gefragt, ob er sie Seiten gewechselt oder ihn die Einsicht eingeholt hat? Schließlich ist es noch nicht so lange her, dass er zusammen mit der BILD kräftig neoliberales Gedankengut verbreitet hat. Nun wurde ich alledings darauf hingewiesen, dass dieser Roman Herzog nicht identisch mit dem ehemaligen Bundespräsidenten ist.

Wer aufmerksam zugehört hat, z. B. bei dem Abschnitt, der darüber berichtet, dass der Neoliberalismus vor allem bestrebt ist, die Menschen in einen fortdauernden Angstprozess zu verwickeln, begreift nun vielleicht, dass eines der Instrumente der Terrorismus ist, ein anderes die unterschwellige Angst vor der Verfremdung der Kultur durch Zuwanderung. Leute wie z. B. Sarrazin dienen damit ebenfalls der gleichen Sache, nur auf eine etwas andere Art und Weise, denn sie beschreien nicht nur die Gefahr der Überfremdung, sondern schüren auch die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust durch die Zuwanderung. Und es wird deutlich, dass die Arbeitslosigkeit, das stetig sinkende Renten-Niveau und auch die gesamte Familienpolitik darauf abzielt, den Neoliberalismus zur vorherrschen Doktrin zu machen. Es geht darum, die Menschen zu individualisieren, besser zu vereinzeln. Familienstrukturen mit gegenseitiger Unterstützung sind da ein Hemmschuh.

Eine der Bedrohungen, die uns täglich vor Augen geführt wird, ist der Klimawandel. Ich glaube nicht an einen menschgemachten Klimawandel, dazu ist der Mensch im Verhältnis zur Erde einfach viel zu winzig. Außerdem scheint der Klimawandel vergessen, wenn es ums Geschäft geht. Wie viele Winter- und Eissporthallen mögen wir wohl in Deutschland haben, wobei so manche dieser Hallen mehr Energie verbraucht, als eine Kleinstadt. Energieintensive Unternehmen werden von der Steuer befreit und Produkte werden mitunter einmal um die ganze Welt gekarrt, mit Flugzeug, Schiff und LKW, nur damit ein Unternehmen ein paar Cent Lohnkosten spart. Aber täglich wird über den Klimawandel geredet, als hätten Wirtschaft und Industrie nichts damit zu tun. Von der Reklame- und Weihnachtsbeleuchtung oder den Flutlichtspielen der Fußballvereine schweige ich lieber.

Aber hervorragend geeignet ist die Klimakatastrophe, um neue Produkte aufzulegen. Von dem Euro-Schwachsinn mit den hoch giftigen Energiesparlampen fange ich erst gar nicht an. Doch bei den nun so sehr gepriesenen Elektroautos, da möchte ich schon etwas zu sagen. Elektroautos sind natürlich abgasarm und deshalb sauber, sagen Politiker und auch die Autobauer. Welch ein Glück, dass der Strom aus der Dose kommt, oder? Ebenso gut könnte man sagen, der Ölpreis interessiert mich nicht, denn ich tanke ja an der Tankstelle. Dass der Strom für jede Batterieladung erst produziert werden muss und nur zu einem geringen Teil aus den erneuerbaren Energien kommt, daran scheinen die Fans der Elektroautos nicht zu denken. Aber man kann den Gedanken getrost weiter spinnen. Was ist, wenn es mit dem Kraftstoff betriebenen Auto so geht, wie mit den Glühbirnen? Eine Quote hat Merkel ja schon festgelegt. Was passiert dann mit den ganzen Tankstellen im Land. Diese Säulen für eine Batterieladung kann man an beliebigen Stellen aufstellen und die Bezahlung mit Plastik ist dann auch kein Problem, denn der bargeldlose Zahlungsverkehr ist ohnehin in Planung. Was aber passiert mit den ganzen Tankstellen und deren Pächtern? Ich sage es mal so, sie "bereichern" dann das Heer der Arbeitslosen. Das wird zwar noch eine Weile dauern, aber die Tante Emma-Läden wurden auch nicht von heute auf morgen durch Supermärkte und Discounter abgelöst. Vielleicht ist das ja auch der Grund, warum sich kaum ein Autobauer darum bemüht, Autos mit geringem Verbrauch zu bauen.

Etwas, was zwar im Beitrag nur global angesprochen und nicht näher erläutert wird, ist ein System, das immer stärker an Einfluss gewinnt. Arbeit, das sollten wir schon erkannt haben, ist ein Teil der "Marktwirtschaft" und jeder redet heute vom "Arbeitsmarkt". Und Markt, das predigt uns der Neoliberalismus ja, ist abhängig von Angebot und Nachfrage. Nun hat die technische Entwicklung ja dafür gesorgt, dass dieser Markt eine Änderung erfahren hat. Bei der Nachfrage steht heute an erster Stelle die Frage, welche Maschinen es wohl gibt, die eine Arbeit ausführen können. In der Folge ist das Angebot an Arbeitskräften stetig gewachsen, weil dank der Technik immer weniger menschliche Arbeitskräfte benötigt werden. Ein Faktor der technischen Entwicklung ist der IT-Bereich. IT steht für Informations-Technologie und wir wissen, dass heute gerade im Bereich der Verwaltung eine Unmenge an Arbeit auf die Computer verlagert wurde. Aber diese Computer müssen ja immer noch bedient werden und es müssen Programme geschrieben und Drucker bedient werden, kurz, es gibt noch viele Arbeitsplätze im IT-Bereich. Dann begann vor einigen Jahren das Outsourcing. Unternehmen, deren Kernaufgaben weniger der Computer war, schafften deshalb ihre IT-Abteilungen weitgehend ab und beauftragten Unternehmen mit der spezifischen Ausrichtung auf Computer-Technik damit, die bei ihnen anfallenden Arbeiten für sie gegen Gebühr zu erledigen. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe Jahre in einem solchen Unternehmen gearbeitet und in den verschiedensten Bereichen die Abwicklung für die Kunden durchgeführt. Dabei war ich, wie wohl alle meine Kollegen, so mit meinen Aufgaben beschäftigt, dass ich mir keine Gedanken darüber gemacht habe, welche Auswirkungen das denn wohl auf die Menschen gehabt hat, die nun plötzlich überflüssig wurden. Es war ein spannender Job und er hat mir wirklich viel Spaß gemacht und wer denkt bei so viel Spaß, dazu noch bei gutem Einkommen, schon an die, denen dieser Spaß, Leid bereitet hat, weil sie vielleicht keinen Job mehr bekommen haben, nachdem wir als Outsourcer sie überflüssig gemacht haben?

Heute denke ich anders darüber. Zu meiner Zeit war der Arbeitsmarkt auch noch nicht so leergefegt, wie er das heute ist und ich habe damals auch noch nicht begriffen, wie die Zusammenhänge sind und wie die weitere Entwicklung wohl aussehen wird.

Ich fürchte, Outsourcing war nur die erste Welle und die nächste Welle ist in Vorbereitung. Die heutige Technik erlaubt es bereits seit geraumer Zeit, Arbeitsplätze als so genannte Telearbeitsplätze nach Hause zu verlagern und einige Unternehmen machen das auch schon, nicht für den gesamten IT-Bereich, aber in einigen Bereichen doch als Wahlfreiheit für die Mitarbeiter und dieses Prozedere wächst. In den USA und in England ist das bereits weiter verbreitet und dort bereits der Hintergrund für diesen Trend erkennbar. Das läuft unter dem typisch neoliberalen Gesichtspunkt "Flexibilisierung des Arbeitsmarktes" und führt bereits heute schon in England und den USA dazu, dass Mitarbeiter dazu gedrängt werden, diese Arbeit als Selbständige in Form von Telearbeitsplätzen zu betreiben. Vor einiger Zeit habe ich irgendwo gelesen, dass z. B. der Chef von IBM im Gespräch mit Kollegen auf die Vorteile hingewiesen hat, die das vor allem im Bereich von Software-Entwicklung haben würde. Projekte würden ausgeschrieben und die nun selbständigen TelearbeiterInnen können sich auf die Ausschreibung bewerben, wobei sie natürlich darlegen müssen, welche Qualifikation sie haben und welche Kostenforderungen sie stellen. Für die Unternehmen bietet sich dann die große Möglichkeit, Druck in Bezug der Kosten auszuüben. Sie sparen nicht nur alle Nebenkosten, die bei Festangestellten entstehen (Büro, Infrastruktur, Energiekosten, tarifliche Regelungen, Lohnnebenkosten), sondern sind auch dazu in der Lage, die Preise stark zu drücken, weil diese selbständigen Telearbeiter darauf angewiesen sind, möglichst niedrig zu kalkulieren, wenn sie überhaupt Einnahmen verbuchen wollen. Ein System, dass aus meiner Sicht noch schlimmer als Zeitarbeit ist. Wenn ich richtig informiert bin, laufen dazu auch in der EU bereits Untersuchungen zu diesem Thema. Diese Art "Selbständigkeit" spielt dann die Telearbeiter gegeneinander aus, weil diese außerhalb gesetzlicher Regelungen wie den Betriebsverfassungsgesetzen oder tariflichen Bestimmungen arbeiten und mündliche Versprechungen, die man ihnen vielleicht gemacht hat, als man ihnen die Selbständigkeit in den schillerndsten Farben schilderte, erweisen sich dann als eine Fata Morgana, wenn ein gewisse Übergangsfrist vergangen ist. Von den Auswirkungen auf die sozialen Netze möchte ich erst gar nicht reden. Für die Selbständigen tun sich damit aber auch noch weitere Probleme auf, denn wenn sie einen Auftrag bekommen, wird damit ganz sicher eine enger Zeitrahmen verbunden sein und für Überschreitungen Pönale-Regelungen in die Verträge eingebunden, die den Auftragnehmer zahlungspflichtig machen, wenn er die vertraglich festgelegten Fristen überschreitet.

Das solche Systeme über kurz oder lang auch auf ganz Europa angewendet werden, bedarf wohl keiner Diskussion. Deutschland hat bisher fast alles übernommen, was in den USA bereits erprobt wurde und eine von der Wirtschaft bestimmte Vorgehensweise wird von der EU ganz sicher übernommen, denn die rein neoliberale Ausprägung dieser EU ist unübersehbar.

Das System des Neoliberalismus ist schlichtweg kriminell, hat aber den Vorteil, dass man alles auf die Gesetze des Marktes schieben kann. Menschen haben doch damit nichts zu tun, oder? Vielleicht stimmt das sogar, denn allmählich muss man zweifeln, dass die eigentlichen Akteure noch Menschen sind. Vielleicht ist der homo ökonomicus ja wirklich eine neue Rasse mit starken Degenerationserscheinungen.

Vielleicht ist es an der Zeit, im Schlagwort TINA einen Buchstaben zu tauschen und den Neoliberalen aufs Butterbrot zu schmieren. Vertauschen wir doch das "N" mit einem "M" und machen aus den "Is" ein "Are", dann heißt es "TAMA" (There Are Many Alternatives).