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Erstelldatum: 25.05.2012

Transplantationsgesetz geändert

Heute hat der Bundestag über eine Neufassung des Transplantationsgesetzes abgestimmt. Danach sollen alle Versicherten von ihren Krankenkassen darüber befragt werden, ob sie einer Organentnahme zustimmen.

Nach offiziellen Angaben gibt es derzeit 12.000 Personen, die auf ein Organ warten, wovon nach Schätzungen täglich 3 sterben. Derzeit hätten 25% der Bevölkerung einen Organspendeausweis (OA), obwohl sich bei Befragungen ca. 75% bereit erklärt hätten, Organe zu spenden, aber den letzten Schritt noch nicht getan hätten, sich als Organspender anzumelden.

Ich bin wohl paranoid, denn diese Zahlenspiele finde ich suggestiv. 25%, also ein Viertel der Bevölkerung hat bereits einen OA und geschätzt sterben jeden Tag 3 von denen, die auf ein Organ warten. Soll ich diesen Zusammenhang so verstehen, dass diese 3 weiterleben könnten, wenn jeder bereit wäre, einen OA zu beantragen?

Grundsätzlich ist meine Einstellung zur Organspende negativ. Ich weiß, in den Augen vieler Menschen ist das ein Zeichen negativen Verhaltens und wird mir sicher keine Freunde machen. Aber der Tod ist ein Teil des Lebens und das Einzige, was im Leben wirklich sicher ist. Ich werde auch jetzt bei entsprechenden Schreiben der Krankenkasse eine Organentnahme kategorisch verweigern, ebenso aber auch eine Organspende, wenn ich gesundheitlich in eine entsprechende Situation komme.

In der Vorstellung der meisten Menschen erfolgt die Organentnahme, wenn man tot ist. Doch das ist falsch. Man ist nach ärztlicher Diagnostik erst hirntot. Ein Hirntoter lebt, zeigt aber nach offizieller Darstellung keine messbaren Hirnströme mehr. Dieser Kunstbegriff des Hirntodes wurde erst erfunden, als die erste erfolgreiche Transplantation erfolgreich durchgeführt worden war. Organverpflanzungen können nicht von Toten erfolgen, sondern nur von Lebenden. Folglich ist ein Hirntoter nicht wirklich tot, auch wenn sein Leben nur noch durch Maschinen aufrecht erhalten wird. Doch das wird auch mit anderen Patienten gemacht, die keineswegs als hirntot diagnostiziert werden, sondern als komatös. Es gibt einzelne Fälle, in denen als hirntot bezeichnete Kinder plötzlich wieder zum Leben erwachten.

Es gibt Vorschriften, nach welchen bestimmte Tests durchgeführt werden müssen, bevor die endgültige Diagnose "hirntot" gestellt wird. Lese ich, welche Tests das sind, werde ich irgendwie an das frühe Mittelalter erinnert.

    Die Funktion des Hirnstamms, welcher die meisten unbewussten Reaktionen steuert, wird mit der Prüfung von fünf verschiedenen Reflexen untersucht. Bei bewusstlosen (nicht-hirntoten) Patienten sind diese Reflexe auslösbar. Zu diesen Reflexprüfungen gehören Provokationen der Augenhornhaut mit einem Gegenstand, Stechen in die Nasenwand, Würgereflex durch Berühren des hinteren Rachenraumes, festes Drücken auf die Augäpfel oder Gießen von Eiswasser in die Gehörgänge. Diese Untersuchungen werden angewandt, um ganz sicher zu gehen, dass keine Nervenverbindungen mehr funktionieren. Sie sind von der Bundesärztekammer vorgeschrieben und Voraussetzung einer Entnahme von Organen für die Transplantation.
    Quelle: http://www.heise.de/tp/artikel/7/7117/1.html

Zum Thema Organspenden und Organhandel habe ich im Zusammenhang mit Prof. Oberender schon einmal einen Beitrag geschrieben.

Halten wir also zunächst mal fest, dass ein Hirntoter kein Toter, sondern ein Sterbender ist. Mit der Organentnahme wird dann aber sein Tod eingeleitet. Wie bezeichnet man das? Aktive Sterbehilfe? Die ist doch in Deutschland (noch) verboten. Da der Hirntote nicht befragt werden konnte, ob er mit der Einleitung seines Todes einverstanden ist. Es erfolgt einzig auf der Diagnose zweier Ärzte, dass der Patient hirntot ist, nur, wie oft haben sich Ärzte schon bei Diagnosen geirrt? Doch durch die Bereitschaft, Organe zu spenden, hat der Patient zugestimmt, dass nach erfolgter Diagnose seine Organe für geschäftliche Zwecke entnommen werden können. Also doch eine aktive Sterbehilfe, obwohl die nicht erlaubt ist. Ich wäre gespannt, wie das BVerfG das beurteilen würde. Aber ich bin sicher, das BVerfG wird eine Definition finden, diese Art Sterbehilfe zu geschäftlichen Zwecken als vereinbar mit den Grundrechten zu beurteilen.

Kommen wir zur geschäftlichen Betrachtung. Die Krankenversicherungen, private und gesetzliche werden verpflichtet, ihren Mitgliedern einen Organspendeausweis zuzusenden, verbunden mit einer Entscheidungserklärung, mittels der der Versicherte sein Einverständnis, aber auch seine Weigerung erklären kann, Organspender zu werden. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn die privaten Versicherungen fordern nur die Versicherten auf, die nach 12 VAG der substitutiven Krankenversicherung unterliegen. Das aber sind wiederum Pflichtversicherte, die aus unterschiedlichen Gründen eine private Krankenversicherung abgeschlossen haben, damit aber nicht von der Versicherungspflicht entbunden sind. Das sind z. B. Beamte oder Besserverdiener, die nach Überschreitung der Beitragsbemessungsgrenze die Wahlfreiheit haben, ob sie sich gesetzlich oder privat versichern wollen. Das sagt mir, dass ein großer Teil der so genannten Elite (Kapitalelite) von dieser Regelung ausgenommen ist, allerdings nur auf der Spender- nicht auf der Empfängerseite. Auf der Empfängerseite werden sie vermutlich bevorzugt an die besten verfügbaren Organe herankommen, nicht offiziell, aber bei entsprechenden Geldflüssen ganz sicher. Vergessen wir nicht, die derzeitige Bundesregierung hat viel dafür getan, die Krankenversicherung zu privatisieren, im ersten Gang, indem z. B. die beauftragte Telematikgesellschaft eine GmbH ist:

gematik
Gesellschaft für Telematikanwendungen
der Gesundheitskarte mbH
Friedrichstraße 136

Auch die DSO (Deutsche Stiftung Organtransplantation) ist eine private gemeinnützige Stiftung bürgerlichen Rechts, die ob nicht ganz sauberer Verfahren auch schon im Gerede war.

Ich bedaure, aber private Unternehmen mit der Ausführung solch sensibler Themen zu betreuen, halte ich für extrem verantwortungslos, auch wenn diese einmal im Jahr dem Bundestag Bericht erstatten sollen. Die Interesselosigkeit unserer Bundestagsabgeordneten an der Ausübung ihres Jobs wird uns Bürgern doch nahezu täglich vor Augen geführt.

Ich stelle hier einmal bewusst Szenarien in den Raum:

Ein Unfall. Zwei Opfer, beide nicht ansprechbar, der eine ein ALG II-Empfänger, der andere ein Mitglied der Oberschicht. Was glauben Sie, wer von beiden eher als hirntot geführt wird und bei wem sich die Ärzte wirklich alle Mühe geben, ihn ins Leben zurückzuholen? Der, bei dem die Kasse diesen Aufwand nicht zahlt oder der, bei dem die Familie jede Menge Sonderhonorare fließen lässt, wenn man ihn zurückholt?

Klar, die beiden Verunglückten liegen nicht in der gleichen Klinik. Der ALG II-Empfänger in einer Klinik mit eher durchschnittlichem und permanent überlastetem Personal, Der Oberschichten-Spezi in eine Spezialklinik mit weithin bekannten Ärzten, die wegen ihrer herausragenden Arbeit weithin bekannt sind, aber in der Regel auch nur mit medizinischen Fällen betraut sind, bei denen Kosten keine Rolle spielen. Wenn der ALG II-Empfänger dann einen Organspendeausweis hat, wird die Diagnose "Hirntod" mit Sicherheit viel leichter gefällt, als beim anderen Unfallopfer, selbst dann, wenn auch dieser wider Erwarten über einen Organspendeausweis verfügt.

Die Frage, ob Organspenderausweis oder nicht ist eine sehr emotionale Angelegenheit. Aber ich stelle jetzt mal provokativ die Frage, würden Sie bereit sein, Ihren Führerschein abzugeben, um damit die Verkehrstoten zu verringern? Jedes Jahr sterben 3 bis 4 Mal so viele Menschen auf den Straßen Deutschlands, wie an Organversagen. Und wie viel Menschen mit Organversagen zuvor Opfer eines Verkehrsunfalls gewesen sind, bei welchem das versagende Organ geschädigt wurde, weiß ich nicht und darüber gibt es wohl auch keine Statistik.

Machen wir uns nichts vor. Der Tod eines Menschen ist eine schlimme Sache und wenn jemand an akutem Versagen von Organen schon vorher weiß, dass er vermutlich sterben wird, ist das schlimm für ihn oder sie. Aber der Tod ist Teil des Lebens und unabänderlich. Manche Menschen empfinden ihn sogar als Gnade, weil er sie von langem und schwerem Leiden erlöst.

Der Tod ist aber auch Geschäft. Ein Mensch mit einem transplantierten Organ ist vom Transplantationsdatum ab medikamentenabhängig und oftmals nutzt ihm das Organ nichts, weil es vom Körper abgestoßen wird. Dann ist nach relativ kurzer Zeit wieder in der gleichen Lage wie vor der Transplantation. Ich bedaure, aber ich schließe nicht einmal aus, dass in Fällen, in denen es aus pekuniären Gründen opportun erscheint, auch ein Hirntod künstlich herbeigeführt wird, um an das begehrte Organ zu kommen. Sicher, das bleiben Einzelfälle, aber ich denke, es gibt sie bereits heute. Wenn es ums Geld geht, hören nicht nur die Freundschaft, sondern auch die Moral und die Ethik auf. Nicht immer, aber schon einmal ist einmal zu viel.