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Erstelldatum: 19.12.2011

PIAAC

Ich habe eine Mail mit folgendem Inhalt bekommen:

    Grüß Gott, Herr Flegelskamp,

    Sie interessieren sich für Bildung. Dann schauen Sie sich doch einmal dieses hier an:

    http://www.gesis.org/piaac/home/
    PIAAC ist PISA für Erwachsene

    Ich bin Interviewerin in diesem Projekt, dessen Ergebnisse im Oktober 2013 veröffentlicht werden.

    Ich denke, kritische Geister könnten sich anhand der im WEB verfügbaren Informationen schon einmal ein paar Gedanken dazu machen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Xxx

Natürlich habe ich auf den Link geklickt und sogleich sprang mir die im zweiten Absatz getätigte Aussage ins Auge:

    Mit PIAAC werden grundlegende Kompetenzen untersucht, die zur erfolgreichen Teilnahme an der Gesellschaft und am Berufsleben notwendig sind. PIAAC wird ein umfassendes Bild des Humankapitals liefern, auf welches die Länder im globalen Wettbewerb zurückgreifen können. Somit bildet die Studie eine fundierte empirische Grundlage für politische Interventionen und gesellschaftliche Veränderungen.

Humankapital, ein aus meiner Sicht treffender Begriff der neoliberalen Szene, der die Menschen ausschließlich nach auf Verwertbarkeit ausgerichtete Kapital-Interessen reduziert und den Sprachforscher längst als Unwort des Jahrtausends hätten festschreiben sollen. Aber es gibt sie, die Menschen, die sich und ihre Sicht des Menschen auf die Anforderungen der "Verwertbarkeit" im Sinne des Schemas der globalen Ausbeutung heruntergeschraubt haben. Zu ihnen zähle ich auch die beiden verantwortlichen Ministerinnen des BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung mit Ministerin Annette Schavan) und des BMAS (Bundesministerium für Arbeit und Soziales mit Ministerin Ursula von der Leyen) zähle.

PIAAC steht für "Programme for the International Assessment of Adult Competencies" und zeigt, auf welchem Mist diese Idee gewachsen ist, denn die Leitung dieser in 25 Ländern durchgeführten Studie obliegt dem ETS (Educational Testing Service) in Princeton, USA.

Für die Studie werden Interviewer sich mit den stichprobenartig ausgesuchten Befragten in Verbindung setzen und einen Termin vereinbaren. Die Befragung wird in zwei Abschnitten vonstattengehen. Im ersten Abschnitt geht es um diese Themen (Quelle: gesis)

Die zentralen Elemente des PIAAC-Hintergrundfragebogens sind:

  • Generelle Informationen über den Haushalt sowie zur befragten Person
  • Aus- und Weiterbildung
  • Aktuelle Erwerbstätigkeit und berufliche Erfahrung
  • Allgemeine und berufliche Verwendung der eigenen Fähigkeiten
  • Einstellungen zum Lernen und zu alltagsbezogenen Themen
  • Teilnahme am gesellschaftlichen Leben

So werden als Beispielaufgaben bei gesis die Lesekompetenz angeführt und als zweites Beispiel auf der gleichen Seite die Beispielaufgabe Grundlegende Komponenten der Lesekompetenz. Der Text ist wirklich lesenswert und die Beispielfragen wirklich auf das Verständnis-Niveau eines 2 bis 3-jährigen Kindes zugeschnitten. Liest man die Begründung, stellt sich nicht die Frage, warum die USA das geistige Hinterwäldler-Potential der US-Südstaaten auch in der bereits entwickelten Welt suchen, sondern warum die angeblich so kompetenten Studienbeauftragten solche Fragen überhaupt als Grundlagenkompetenz gewichten? Oder geht es vielleicht darum, evtl. interviewte Analphabeten auszusondern, weil man ihnen gleich jegliche Kompetenz abspricht? Für mich ist Analphabetentum eine Folge des Versagens des für die Bildung zuständigen Staates und sagt sicherlich nichts über die tatsächlich vorhandenen Fähigkeiten eines Menschen aus.

Ich habe mir auch die weiteren auf gesis gestellten Kompetenzfragen angesehen und spätestens, wenn mir ein Interviewer solche Fragen gestellt hätte, hätte ich ihn achtkantig aus der Wohnung geworfen. Aber ich fürchte, ganz so einfach wird das auch nicht vonstattengehen. Die idiotischen Fragen auf der Seite von gesis dienen vermutlich nur dazu, den Befragten die Scheu zu nehmen, an der Befragung teilzunehmen. Ich jedenfalls würde das grundsätzlich ablehnen, denn alles, woran Ursula von der Leyen beteiligt war und ist, wird zum Nachteil der Bevölkerung verwendet und Annette Schavan ist keinen Deut besser.

Es ist ja nicht PIAAC alleine, denn dazu gibt es so genannte Ergänzungsstudien und nachdem ich mit diese kleine Vorstellung durchgelesen habe, musste ich gleich an Lothar Späth denken, diesen hehren Ex-MP von Baden Württemberg, der stets vergisst, sich auch als INSM-Botschafter zu erkennen zu geben, der rechtzeitig vom Amt des MP zurückgetreten ist, bevor ihm die Graf-Affäre das Genick brechen konnte und der nun die wunderbare Idee hat, dass die Alten ja eigentlich auch ganz gut unbezahlt Hilfen geben können, diese dann evtl. aufgrund erworbener Zeiteinheiten selbst einfordern können, wenn sie sie benötigen sollten. Und es erinnert mich an einen so genannten Philosophen, der von den Alten ein Pflichtjahr gemeinnütziger Arbeit fordert. Sie ahnen es sicher schon, die Rede ist von Richard David Precht, dessen größte philosophische Leistung wohl darin besteht, sich mediengerecht zu präsentieren. Na ja, das ist natürlich nur meine subjektive Meinung, weil ich meine, ein Philosophiestudium macht noch lange keinen Philosophen und für die Erfahrung als Grundlage philosophischer Kompetenz ist er zu jung.

Nun, unter den Ergänzungsstudien findet man dann u. a. diesen Text bei gesis:

    Mit dem Projekt werden sozio-demographische Angaben für die ältere Bevölkerungsgruppe und wichtige Hinweise über deren Kompetenzprofile gewonnen. Diese Informationen sind im Zeichen einer alternden Gesellschaft aus mehreren Gründen interessant: sie liefern Erkenntnisse über Bildungspotentiale Älterer, die zur Erhaltung der Selbstständigkeit, zur Teilhabe an der Arbeitswelt, zur ehrenamtlichen Arbeit und zur innerfamiliären Unterstützung beitragen können. Die erwarteten Projektergebnisse können damit verbesserte Bildungsprogramme und Supportstrukturen für Ältere nachhaltig unterstützen.

Ich lese da zwischen den Zeilen, dass man Menschen, die bereits ein Leben lang gearbeitet haben, weitere Verpflichtungen aufbürden will und so, wie ich die verantwortliche Ministerin Schavan einschätze, ist die Idee in Zusammenarbeit mit der Kollegin von der Leyen, bei einer Weigerung Sanktionen zu verhängen, bspw. die Rente zu kürzen oder gänzlich auszusetzen. Frau von der Leyen hat ja da spezifische Erfahrung. Das allerdings, davon gehe ich aus, wird wieder einmal ausschließlich auf Rentner der GRV Anwendung finden, denn diese Gruppe schein ja die einzige Gruppe zu sein, auf die man mit der demographischen Keule eindreschen kann.

Sie haben recht, wenn sie die Ansicht vertreten, dass ich hier ein Horrorszenario aufbaue, für das ich keine Beweise habe. Aber der Begriff Humankapital sollte immer mit Verwendbarkeit im Kontext mit Ausbeutung übersetzt werden. Und wenn damit verbunden von Kompetenzmessung die Rede ist, assoziiere ich damit das Aschenbrödel-Syndrom:

    Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.

Und wenn ich auf die Trefferquoten meiner Prognosen in der Vergangenheit zurückblicke, lag ich immer weit vor denen der Wirtschaftsweisen oder denen von Prof. Sinn. Und ich denke, wir sollten den Anfängen wehren. Weigern Sie sich, sich für diese Studie interviewen zu lassen, denn letztendlich werden sie nicht wissen, welche Kompetenzen der Interviewer oder die Interviewerin besitzt, aus Ihren Antworten und Reaktionen die richtigen Schlüsse zu ziehen und ihre Kompetenzen wirklich beurteilen zu können. Das ist ähnlich wie bei den Unternehmensberatungen. Auch da kommen adrett angezogene junge Leute, stellen Fragen und machen Notizen zu Ihren Antworten und als Ergebnis kommen in der Regel (bei den großen Unternehmensberatungen) Empfehlungen heraus, wie hoch der Prozentsatz der Leute ist, die man entlassen kann, denn diese jungen adretten Leute haben sicherlich akrobatische Fähigkeiten in der Bedienung von Taschenrechnern, aber Kompetenz in der Beurteilung von komplexen Produktionsabläufen und der Verzahnung unterschiedlicher Arbeitsprozesse und der daraus erwachsenden internen Abhängigkeiten der Zeitabläufe haben sie nicht. Und das ist keine Behauptung, sondern Erfahrung.