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Erstelldatum: 01.05.2011

Royaler Zirkus

Mein Gott, jetzt sind Prinz William und Kate ein Ehepaar. Wie rührend hat sich doch die Presse und vor allem das ZDF und die Privaten dieses Themas angenommen, da kamen nicht einmal Blätter wie das grüne Blatt oder ähnliche Blätter mit. Aber nun sind sie ein Paar, rechtmäßig getraut, mit Scheidungsvertrag - ähh - Ehevertrag. Worauf soll ich nun meine Aufmerksamkeit konzentrieren, wenn im Stern, Spiegel, der ZEIT oder der WELT nur noch dann Meldungen über dieses Traumpaar kommen, wenn ein saftiger Skandal mal wieder das Hause Windsor erschüttert. Aber vielleicht habe ich ja Glück und das erste Baby steht bald ins Haus, Dann werden wir wieder minutiös erfahren, was sich in den fast 9 Monaten bis zur Niederkunft so alles im Hause des Traumpaares abspielt. Ohh bitte Kate, sei willig, ich möchte doch alles wissen. Wie siehst Du aus, wenn Du Dich während der Schwangerschaft übergeben musstest? Wo lässt Du Deine Umstandskleider fabrizieren, was isst Du, welche Pillen wirfst Du ein, ist William auch gut zu Dir. Bitte, bitte, liebe Presseagenturen, liebe TV- und Presse-Redaktionen, informiert uns. Schließlich sind wir doch alle verkappte Royalisten. Träumen wir nicht alle davon, einen gehörigen Batzen unseres Einkommens wie die Briten für ein Relikt der Vergangenheit auszugeben, damit ein paar Royales im wahrsten Sinne des Wortes "fürstlich" leben können, ganz ohne eigenes Zutun. Wir haben es ernst gemeint, als wir früher den Gassenhauer " wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wieder haben " gesungen haben. Schließlich, was ist schöner als eine Parade, in welcher die vielköpfige, in schnieken Uniformen gekleidete und aus meiner Tasche bezahlte Garde eines Potentaten vor und hinter der Kutsche (egal, ob Benzin-getrieben oder von Pferden gezogen) reitet oder auch mit der standesgemäßen BMW fährt und in der Kutsche der Potentat oder das weibliche Äquivalent huldvoll lächelnd mit der weiß behandschuhten Hand winkt und ich natürlich weiß, dass dieses Lächeln und dieses Winken mir alleine gilt, nicht den Hunderttausenden, die die Straße längs der Parade säumen, um einen Blick auf die erlauchten Personen zu werfen, unter deren Ägide wir Jahrhunderte malochen durften, bis uns die Schwarte krachte, nur damit ihr Leben im Überfluss garantiert war. Für diese erlauchten Personen, für die unsere Väter, Großväter, Urgroßväter in sinnlose Kriege ziehen durften, um, falls sie ihn überlebt hatten, anschließend noch stärker ausgebeutet zu werden. Irgendwer musste schließlich für die Kosten aufkommen. Jetzt mal ehrlich, so eine Parade ist doch schöner anzusehen, als eine aufgebrachte Menschenmenge mit Transparenten wie "Atomkraft! Nein Danke" oder "Gebt uns unsere Würde zurück" oder "Nieder mit Hartz IV" oder "Raus aus Afghanistan" oder "Bildung für alle"? Und bei Atomkraft! Nein Danke läuft ja bei ein wenig Glück ds prominente Chamäleon (zumindest auf dem Kopf) Claudia Roth oder gar Jürgen Trittin vorne mit, was ja einen Royal fast ersetzen könnte. Ich gebe ja zu, eigentlich gehöre ich wegen meiner Begeisterung für königliches Blut ja in eine geschlossene Anstalt, aber weil so viele Anstalten nicht zu finanzieren sind, darf ich frei herumlaufen.

Aber der Zeitpunkt für die Berichterstattung über Kate und William war aus deutscher Sicht gut gewählt, wurden doch damit die Sorgen über das nun in Kraft getretene Freizügigkeitsgesetz vertrieben oder zumindest in den Hintergrund gedrängt. Die Schreiberin eines Spiegelartikels ist sogar davon überzeugt (zumindest schreibt sie das), dass dieses Gesetz eine Frischzellenkur für Deutschland sei. Offenbar ist sie davon überzeugt (oder tut wenigstens so), dass nun viele junge und bestens ausgebildete Ost-Europäer ins Land kommen und damit den Wunsch nach jungen und tatkräftigen Menschen der Industrie und des Dienstleistungsgewerbes in diesem demographieverseuchten Land erfüllen. Ist sie nun selbst Gastarbeiterin (Yasmin El-Sharif) und kennt deshalb die hervorragenden Aussichten auf gut bezahlte Jobs in diesem Land? Sie erklärt auch gleich, wie sie sich diese Frischzellenkur vorstellt. Da kommt ein osteuropäischer Ingenieur nach Deutschland, entwickelt eine Maschine und an dieser frisch entwickelten Maschine arbeiten später dann andere und schon ist die Welt wieder in Ordnung. Heile heile Gänschen, es ist bald wieder gut. Aber vielleicht ist es ja gerade ein osteuropäischer Ingenieur, dem die Entwicklung einer Maschine gelingt, mit der durcheinandergebrachte Ganglien wieder richtig sortiert und abgestorbene Synapsen wieder funktionsfähig gemacht werden können.

Die gute Yasmin hätte vielleicht einmal ein wenig mehr recherchieren müssen, auch außerhalb der EU-Statistiken und abseits der standardmäßigen "Experten". Wer weiß, vielleicht hätte sie dann diesen Bericht erst gar nicht geschrieben, denn die osteuropäischen Länder bezahlen ihre Spitzenkräfte keineswegs so schlecht, wie sie uns weiszumachen sucht. Und Großbritannien (GB) als Beispiel zu präsentieren und den "positiven Effekt auf den dortigen Arbeitsmarkt" anzuführen, zeugt von einem gesunden Halbwissen. Da ist z. B. die Tatsache, dass GB wie viele andere europäische Länder auch einen gesetzlichen Mindestlohn von 5,05 engl. Pfund (etwa 7,50 ) hat. Ein wenig Recherche hätte sie dann auch auf einen Bericht der Deutschen Welle in Zusammenarbeit mit dem Handelsblatt (denen man sicherlich keinen kommunistischen oder sozialistischen Hintergrund unterstellen kann) über den Mindestlohn in GB und die Frage, ob das ein Erfolgsmodell wäre. Auch die WiWio hat mit einem Bericht die Mär vom Flexiblen Arbeitsmarkt mit den Worten "der Glanz des Modells verblasst" ein wenig relativiert.

Wenn dann ein Schreiberling, wie hier die gute Yasmin, die demographische Keule schwingt, passiert es leicht, dass sich an der Keule verhoben wird. Ein Blick auf die Statistiken der BA und die Zahl der jugendlichen Arbeitslosen würde da Wunder wirken, falls das in der Presse erwünscht wäre. Doch das ist es nicht, weshalb immer von den vielen Schulabgängern ohne Schulabschluss, von der "Null-Bock-Generation" und ähnlichen Diskriminierungen berichtet wird. Es gab sie immer, die Jungendlichen, die Schwierigkeiten mit der Schule hatten. Es gab sie immer, die Familien, bei denen das soziale Umfeld nicht stimmig war (was übrigens durchaus nicht auf die "Proleten" beschränkt war). Aber blickt man genauer hin, dann haben viele der in vergangen Jahren mit schlechten Noten von den Schulen abgegangenen Schülern den "Praxis-Test Leben" erstaunlich gut bestanden und wie mancher Musterschüler ist im echten Leben total eingebrochen. Eine überproportionale Menge von Schulabgängern ohne Abschluss ist nicht die Folge von dümmeren Schülern, sondern ein fehlerhaftes Schulsystem und vielleicht auch zum Teil ein Mangel an pädagogisch ausreichend ausgebildetem Lehrpersonal. Und wenn man immer die 68er für alle Fehler der Vergangenheit bemüht, ist das ziemlicher Unsinn, mit einer Ausnahme. Diese Generation ist es gewesen, die die Autorität des Lehrpersonals untergraben hat. Ich denke dabei nicht an "die Züchtigung", die früher noch gelegentlich von manchen Lehren ausgeübt wurde, denn Autorität hat die nie erzeugt, wohl aber Angst. Autorität hatten die Lehrer, die nicht nur einen interessanten Unterricht boten, sondern sich auch um ihre Schüler bemühten und versuchten, sie aufzubauen.

Ja, wir müssen in der nächsten Zeit damit rechnen, dass eine Zuwanderung aus den osteuropäischen Ländern (außer Rumänien und Bulgarien, die dürfen noch nicht) erfolgen wird. Und in den Kommentarfunktionen der Zeitungen werden wieder Hetzparolen gegen die Ausländer auftauchen, die uns die Arbeitsplätze wegnehmen und wehe, sie rutschen nach einiger Zeit in Hartz IV. Es sind primitive Kommentare. Die Zuwanderer wollen das, was die überwiegende Mehrheit der Deutschen auch will, einen Job mit einer Bezahlung, von der man leben kann. Und in der EU werden wir ja immer als das wirtschaftsstärkste Land mit hohen Löhnen dargestellt. Für viele Osteuropäer mögen die hier gezahlten Löhne paradiesisch erscheinen, aber diese Illusion vergeht bald, wenn erst einmal erkannt wird, wie hoch die Kosten für den Lebensunterhalt hier sind.

Es ist falsch, den Zuwanderern die Schuld anzulasten, dass sie evtl. einen Job bekommen, der deutsche Arbeitslose aber nicht. Es ist das erklärte Ziel der EU, diese Verhältnisse zu schaffen und es ist ein großer Teil der Wirtschaftsverbände und der Politik, die für diese Zustände verantwortlich sind. Es sind nicht die Zuwanderer, sondern das System. Alle von der Wirtschaft geforderten "Fachkräfte" könnten aus der Masse der Arbeitslosen bedient werden. Aber das ist nicht gewollt, denn qualifizierte Fachkräfte aus Osteuropa kann man billiger bekommen. Und unsere Arbeitsbehörden tragen kräftig dazu bei, weil die dortigen "Fachkräfte" die an sie gesetzten Voraussetzungen nicht erfüllen und auch nicht erfüllen müssen. Dem System wäre nicht damit gedient, Fachkräfte aus der Reihe der Arbeitslosen zu rekrutieren, denn eine echte Senkung der Arbeitslosenzahlen würde das Potential der Erpressbarkeit der Arbeitnehmer verringern. Da kann man keine "Fallmanager" gebrauchen, die etwas von ihrem Job verstehen und dabei auch noch in der Lage wären, die Anforderungen des Arbeitsmarktes zu verstehen und zielgerichtet den entsprechend geeigneten Personenkreis zu vermitteln.