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Erstelldatum: 23.03.2011

Libyen

Eigentlich wollte ich zum Thema Libyen nichts äußern, denn mir geht es wohl wie fast allen Menschen in Deutschland, Italien, Großbritannien, Frankreich und vor allem den USA, ich weiß so gut wie nichts über dieses Land. Sicher, man kann bei Wikipedia was darüber lesen. Aber Wikipedia ist auch nicht mehr das, was es einmal war, denn geht es um politische Themen, haben sich aus meiner Sicht längst politische Berufsschreiber dort breit gemacht, die alles, was nicht als politisch korrekt angesehen wird, in Grund und Boden schreiben. Ältere in Italien, Großbritannien, Frankreich wissen vermutlich noch einiges aus der Kolonialzeit und dem politischen Geschacher zwischen der Kolonialmächten, den Ölfirmen und dem Königshaus in Libyen. Offiziell war Libyen 1951 in die "Unabhängigkeit" entlassen worden. König der konstitutionellen Monarchie wurde das Oberhaupt der Senussi, Idris I. (Die Senussi-Bruderschaft war einer der Volksstämme). Bis es schließlich 1969 zu einem Militärputsch kam. Der Vorsitzende des Revolutionären Kommandorates war Oberst Muammar al-Gaddafi und der gab sich keine besondere Mühe, dem Westen zu gefallen. Er verstaatlichte die Erdölförderung, machte aus der katholischen Kathedrale in Tripolis eine Moschee, kassierte die Banken zur Hälfte und zwang sie, arabische Namen anzunehmen und schloss ein Abkommen mit der UDSSR über wirtschaftlich-technische Zusammenarbeit. Gemäß der Verfassung von 1969 ist Libyen ein basisdemokratischer Staat auf der Grundlage des Islam. 1977 wurde Libyen dann verfassungsrechtlich zur islamischen, sozialistischen Volksrepublik ausgerufen, was aber an der alleinigen Herrschaft Gaddafis als "Revolutionsführer" nichts änderte. Zu Beginn des neuen Jahrtausends kam es dann wieder zu einer Annäherung Libyens an den Westen und eines weiß sogar ich, wenn es ums Geschäft geht, kann man im Westen alles vergeben und vergessen. Wenn dazu noch Erdöl und Erdgas ist Spiel kommen, dann ist jeder Diktator sofort ein liebenswerter Mensch, mit dem die Großen dieser Welt eine "tiefe und ehrliche Freundschaft" verbindet.

Was man noch wissen sollte, Libyen ist zwar das drittgrößte Land Afrikas, aber 85% des Landes sind nicht bewohnbar (Sahara). Bei einer Größe von 1.775.500 km2 gibt es gerade einmal 6.461.454 Einwohner, wobei diese Zahl auf einer Schätzung der CIA beruht und weil ich der CIA bei keiner Aussage glaube, ist diese Zahl zumindest mit äußerster Vorsicht zu genießen.

Nun haben wir ja mitbekommen, dass im so genannten mittleren Osten eine Revolutionswelle ausgebrochen ist. Tunesien, Ägypten, Jemen, Bahrein und nun auch Libyen. Aber bei Libyen werde ich ein wenig misstrauisch, denn laut HDI-Index (Human Development Index) ist der Lebensstandard in Libyen höher als aller anderen afrikanischen Länder, einschließlich Ägyptens und auch höher als der von Saudi Arabien. Dabei richtet sich der HDI nicht nur nach dem BIP, sondern bezieht auch Gesundheitsfürsorge, Ernährung und Hygiene, das Bildungsniveau und das Einkommen in seine Messungen mit ein, anders als die Zahlen der Weltbank, die lediglich ein Pro-Kopf-Einkommen aus dem BIP ableiten, was ganz sicher keine Rückschlüsse auf die tatsächlichen Verhältnisse zulässt. Aber Weltbank, IWF, WTO etc. sind so genannte "supranationale Einrichtungen" wie die EU auch, die ohnehin ganz andere Ziele verfolgen, als man uns stets einzutrichtern versucht.

Nun hat aber die Arbeiterfotographie einen Apell geschrieben. Er lautet: Libyen: Die Schlächter sind unter uns. Stoppen wir sie! Einiges in diesem Bericht klingt mir einfach zu enthusiastisch, aber anderes macht mich doch nachdenklich. Da ist zunächst die Frage der militärischen Eingriffe der "üblichen Willigen" des Westens. Libyen ist ein souveräner Staat, mit Sitz in der Uno. Jeder souveräne Staat hat das Recht, gegen eine militärische Rebellion im eigenen Land militärisch vorzugehen. Dabei erhebt sich aber die Frage, wie es zu der Rebellion überhaupt gekommen ist. Was wir hier aus der Presse darüber erfahren, muss nicht unbedingt die Wahrheit sein. So ist theoretisch auch möglich, dass die eigentlichen Anstifter der Rebellion Agenten bestimmter westlicher Geheimdienste waren. Des Öfteren wird der Sender Al Jazeera als Informationsquelle zitiert. Das erinnert mich sehr an Osama bin Laden, über den dieser Sender des Öfteren Videos in Umlauf brachte, von denen sich etliche als gefälscht herausstellten. Mich würde es nicht wundern, wenn dieser Sender von der CIA gegründet wurde und noch maßgeblich betrieben wird.

Auch was ich bisher an Bildern über den Bürgerkrieg in Libyen und über die "Rebellen" gesehen habe, finde ich nicht vertrauenserweckend. Da stehen ein paar mit Gewehren ausgerüstete Männer auf einem angeblich eroberten Panzer, machen das Victory-Zeichen und werden als Bewohner der östlichen Rebellenhochburg al-Aziziyya (wenn ich die Stadt richtig in Erinnerung habe) dargestellt. Aber zu sehen ist keine Stadtkulisse, nicht einmal das, was man als Dorf bezeichnen könnte. Es sieht aus, wie eine sorgsam aufgebaute Kulisse für einen Hollywood-Film.

Was mich so nachdenklich macht, ist der Umstand, dass in den anderen Ländern zwar Massendemonstrationen stattgefunden haben, aber keine bewaffnete Rebellion. Anders in Libyen. Nur, woher kommen die Waffen? Mit ein paar alten Karabinern hätten die "Rebellen" wohl nichts ausrichten können. Auch die merkwürdige Eile, mit der ein Eingreifen des Westens beschlossen wurde, finde ich mehr als seltsam. Na ja, oder auch nicht, denn schließlich geht es ja um Erdöl und Erdgas. Aber es geht sogar noch um mehr. Es ist bekannt, dass unter der Sahara riesige Süßwasser-Vorkommen bestehen. Wenn die Angabe bei der Arbeiterfotographie stimmt, ist das ein ungeheures Reservoir. 35.000 Kubikkilometer, das hört sich eigentlich nicht so viel an. Vielleicht sollten wir es ein wenig herunter brechen. Ein Kubikdezimeter entspricht einem Liter. Ein Kubikmeter folglich sind 1.000 Liter. Ein Kubikkilometer sind somit 1.000 Liter mal 1.000 mal 1.000 mal 1.000 = 1 Billion (europäisch) Liter. Und das mal 35.000, also 35 Trillionen Liter Wasser für Afrika. Na, wenn das keine Begehrlichkeiten zusätzlich erwecken kann! Zu der Sicht wird sicherlich auch jeder kommen, der gestern (22.03.2011) den Film über Wasser und die Gier mancher Konzerne auf ARTE gesehen hat.

Gaddafi ist ein Diktator und sein Clan hat sich sicherlich auch finanziell bereichert (man spricht von 80 bis 150 Milliarden US-Dollar). Auf sein Konto soll der Anschlag auf eine Berliner Diskothek und der Lockerbie-Anschlag gehen, ganz sicher verdammenswerte Angelegenheiten. Aber das hatten ihm westliche Politiker ja inzwischen bereits verziehen, was ihnen sicherlich nicht so schwer gefallen ist, angesichts etlicher Flugzeugabstürze, die nie wirklich geklärt wurden und angesichts von Anschlägen, die bestimmten westlichen Geheimdiensten inzwischen nachgewiesen wurden.

Eine Rebellion in Libyen halte ich aber für eine interne Angelegenheit dieses Landes, in die sich der Westen nicht einzumischen hat. Oder hat er gar den Impuls der Rebellion gegeben? Nun haben Merkel und Westerwelle ihre Beteiligung am militärischen Eingreifen des Westens in Libyen verweigert. Das sollte uns nicht von der friedfertigen Einstellung der Beiden überzeugen, sondern eher von dem Versuch, bei den nun anstehenden Wahlen den "Friedensbonus" wahrzunehmen, der seinerzeit auch Schröder geholfen hat. Vielleicht klappt das ja noch einmal, schließlich ist das Volk ja bekanntermaßen blöd. So kann eine aus meiner Sicht eine richtige Entscheidung durchaus aus den falschen Motiven heraus getroffen werden.

Was die Arbeiterfotographie meint, wenn sie schreibt, die "Schlächter sind unter uns", ist wohl eindeutig und auch nicht zweifelhaft. Kapital, Kirche und Politik haben sich einmal mehr verbrüdert, die, wenn auch nicht strafrechtlich verfolgbar, zusammen die größte denkbare kriminelle Vereinigung ergeben. Der Westen hat keinen Grund, Gaddafi anzuprangern, denn er ist noch viel schlimmer, als dieser Potentat eines schwach besiedelten afrikanischen Landes.

Wir haben am Irak gesehen, was passiert, wenn der Westen "aus lauteren Motiven" eingreift. In den USA sitzt ein junger Private im Gefängnis, weil er eine CD an Wikileaks gegeben haben soll, die "amerikanisches Scheibenschießen" auf Zivilisten im Irak aufzeigt und nach amerikanischem Rechtsverständnis droht diesem jungen Mann vielleicht sogar die Todesstrafe. Wäre Hussein am Ruder geblieben, wäre das für die Iraker weitaus weniger blutig und fatal verlaufen, irakische Frauen würden weiterhin gesunde Babies bekommen, statt der durch die Uranmunition ausgelösten Mutationen dank zerstrahlter DNA. Die Religionsgruppen im Irak hätten sich nicht in die Wolle gekriegt, es gäbe dort keine ständigen Anschläge durch Selbstmordattentäter, kurz, den Irakern wäre mehr Leid erspart geblieben, als sie durch die westliche "Befreiung" erfahren durften.